Der Tagesspiegel : Günter Gaus

Geb. 1929

Rolf Schneider

Dissidenten und Funktionäre standen bei ihm Rücken an Rücken, mit dem Sektglas in der Hand. Die Berliner Zweigstelle des Bundesministeriums für Bildung und Forschung befindet sich in der Hannoverschen Straße. Zu Zeiten deutscher Zweistaatlichkeit befand sich in diesem Gebäude die „Ständige Vertretung der Bundesrepublik bei der Regierung der DDR“. Ein Anbau, Gartenhaus geheißen, diente als Ort für Empfänge. Im Sommer des Jahres 2004 versammelten sich dort Journalisten, die einst ihren westdeutschen Medien als DDR- Korrespondenten gedient hatten. Ein wenig nostalgisch gedachten sie ihrer Vergangenheit.

Der Name von Günter Gaus fiel sonderbar spät und selten. Dabei war er erst vor kurzem gestorben, und das Gebäude, in dem man sich befand, war dereinst unter seiner Aufsicht errichtet worden.

Hier, im Gartenhaus der Ständigen Vertretung, wurde damals der westdeutsche Nationalfeiertag begangen. Das Datum hätte eigentlich der 17. Juni sein müssen. Aber da man in der Hauptstadt der DDR schlecht des Volksaufstandes von 1953 gedenken konnte, lud man zum Jahrestag des Grundgesetzes. Die eingeladenen DDR-Bürger betraten hier eine andere Welt, in der es schon anders roch als drumherum. Auf der Treppe herrschte Gedränge, es gab das Defilee am Hausherrn vorbei, während steife Bedienstete des DDR-Dienstleistungsamtes Sektgläser balancierten. Und es standen da etliche Künstler, die ihren Beruf in ihrem Land nicht ausüben durften, Rücken an Rücken mit ranghohen Angehörigen des DDR-Ministerrats. Ein Gestus allgemeiner Gelassenheit herrschte in diesen Räumen.

Günter Gaus war ein vorzüglicher Gastgeber. Er war lebhaft, ironisch und eloquent, den Kopf hielt er etwas seitlich geneigt, Trinkglas und brennende Zigarette in der Rechten. Er empfing gemeinsam mit seiner Frau, deren fränkischer Tonfall reizvoll mit seinem scharfen Niederdeutsch kollidierte.

Er kam aus Niedersachsen, hatte aber mit Preußen seinen Frieden geschlossen, er mochte Potsdam, die gleichförmige Seen- und Kiefernlandschaft der Mark, er mochte Preußen in den opaken Farben des Realsozialismus.

Gaus gehörte zur Generation der Luftwaffenhelfer, er war Schüler der Nazi-Eliteschule Napola. Seine Aversion gegen den Krieg war Urheber seiner politischen Antriebe. Die restaurativen Strömungen in Adenauers junger Bundesrepublik kritisierte er von unterschiedlichen Positionen aus, deren einflussreichste die Chefredaktion des „Spiegel“ war.

1973 wechselte er in die aktive Politik und wurde, in seinen eigenen Worten, „vom Merker zum Täter“. In Willy Brandt, damals Bundeskanzler, sah er all das, was seine eigene politische Haltung bestimmte: den gelebten Antifaschismus, das linke Denken und das, was Brandt selbst compassion nannte: ein schwer beschreibbares Ineinander von Erbarmen und Solidarität. Als Staatssekretär ging Gaus ins Bonner Kanzleramt und 1974 als erster Ständiger Vertreter der Bundesrepublik nach Ost-Berlin.

Er wusste, als er dort eintraf, weder vom ostdeutschen Staat noch von der Diplomatie sehr viel. Was er dann leistete, wie er sich verhielt, war erstaunlich. Er wurde zum Pionier der neuen Ostpolitik auf dem Boden der DDR, er gewann ebenso den zähneknirschenden Respekt der SED-Führung wie das Vertrauen der Namenlosen.

Mit dem neuen Kanzler Helmut Schmidt vertrug er sich nicht, 1981 demissionierte er, war ein paar Wochen Wissenschaftssenator in West-Berlin und wurde schließlich wieder „vom Täter zum Merker“.

Die Vereinigungspolitik der Regierung Kohl sah er als Kolonialisierung der DDR durch ein stupides westdeutsches Establishment, taktisch falsch, moralisch verwerflich. Seine störrische Haltung wurde von Beobachtern teils kopfschüttelnd, teils kichernd wahrgenommen; in der Reaktion darauf wurde er selbst zu einem etwas sonderbaren Ostalgiker.

Er war bis zuletzt spöttisch, beredt, skeptisch und etwas sentimental. Gaus’ Arroganz verbarg eine tiefe Melancholie. Er hat einen Abschnitt der Zeitgeschichte mitbestimmt, dessen Konsequenz auch das Ende der deutschen Zweistaatlichkeit war. Dabei hatte er, obschon er es nie formulierte, diese Zweistaatlichkeit als gerecht empfunden, Quittung für Hitler, Weltkrieg und Auschwitz und Schutz vor deutschem Größenwahn. Er sah in der DDR das deutschere Deutschland: bieder, verhärmt, redlich, bescheiden. Natürlich wusste er, wie unglücklich es in diesem Land zuging, doch eben dieses Unglück war ihm wichtig, da er seine Mission darin sah, es zu lindern.

Die Autobiografie, an der er bis zuletzt schrieb, hat er nicht vollenden können. Sie bricht ab vor dem Beginn der deutschen Zweistaatlichkeit. Das Gebäude in der Hannoverschen Straße trägt seit langem das heutige Türschild. Das Gartenhaus wirkt, von der Straße her, selbstvergessen, unbehaust und dunkel.

Der Autor ist Schriftsteller und war oft zu Gast bei den Empfängen der Ständigen Vertretung.

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