Der Tagesspiegel : Guinness-Fieber: Rekordverliebt über alle Maßen

Stefan Jacobs

Wer im Guinness-Buch der Rekorde verewigt ist, hat in aller Regel mächtig geschuftet, um etwas zu Stande zu bringen, was kein Mensch braucht - und wird von Außenstehenden deshalb nicht selten in die Nähe von Verrückten gestellt. Dessen ungeachtet stammen etliche Einträge aus Brandenburg. Der weltdickste Pinsel etwa oder die größte Taschenuhr. Derzeit in der Mark zu besichtigen ist der offiziell registrierte weltgrößte Zollstock. 22 Glieder zu drei Meter, also ausgeklappte 66 Meter. Und dabei nur 0,1 Prozent Längentoleranz. Dafür gab es gleich noch das Guinness-Gütesiegel: die römische Drei.

Gebastelt haben das gigantische und nutzlose Riesenlängenmaß zwölf "Zollstockfreunde 97 Anhalt". Sie reisten mit dem 65 Kilogramm schweren Klappgerät aus gelben Kunststoff nach Dallgow, wo es noch bis Sonnabend einen Höhepunkt der "Zollstock-Ausstellung" im Havelpark bildet.

"Ein Top-Zollstock muss sich zum Kreis biegen lassen und voll ausgeklappt noch senkrecht stehen", erklärt Bernd Rogaischus. Der 45-Jährige aus Köthen in Sachsen-Anhalt ist der Vereinsvorsitzende. Er präsentiert zusammen mit anderen Zollstockfreunden die Ausstellung, die viel mehr bietet, als nur den längsten Zollstock. 15 Vitrinen zeigen auch seltene, alte oder originelle. Eine "derartige" Vielfalt, so die Eigenwerbung, werde hier "erstmals" präsentiert. Und so sind das Ungetüm und seine Erbauer nur ein Highlight auf der Schau.

Das andere ist Günter Uhlig aus Wiedensahl in Niedersachsen. Er ist Weltmeister im Zollstocksammeln: "Mir fehlen noch drei Stück zu den 23 000", erzählt der 61-jährige Maurer gerade, da ruft einer "Jetzt fehlen nur noch zwei!". Der Rufer ist Lampen-Klaus aus Kleinmachnow, der Uhlig einen Lampen-Klaus-Zollstock schenkt. Uhligs Sammlung blockiert zwar seinen gesamten Keller, sichert aber einen Platz im Guinness-Buch. Wobei Uhlig sich für die neueste Ausgabe nicht wieder anmeldet, nachdem die Redaktion ihm seine Fotos nicht zurücksandte. Das fand er geizig.

Uhlig und die Zollstockfreunde kennen sich schon. "Auf dem Zollstocksektor sind schon die dollsten Sachen gelaufen", weiß Vereinschef Rogaischus und erinnert an den Wehrmachtszollstock, auf dem die Sprengstoffmengen angegeben sind, mit denen man Brücken in die Luft jagen kann. Auch der ist im Havelpark ausgestellt. Rogaischus weiß auch um die Entstehung des Gebrauchsartikels: "Das Sprungbrett zum Zollstock war die Elle", sagt er. Um 1850 kam jemand auf die Idee, dass die Elle noch praktischer wäre, wenn man sie falten könnte. So ward der Zollstock geboren.

Aber für Guinness-Freaks ist "praktisch" kein Argument, wie die Einträge beweisen: Komplett felduntauglich etwa der Riesenfußball, den Detlef Bannier aus Birkhalde (Oberhavel) aus Fallschirmseide zusammengenäht hat. Mit einem Durchmesser von 16,70 Metern eignet er sich nicht für normale Tore. Allein der Geiz führte zum kleinsten Tourismus-Büro, das auf 6,9 Quadratmetern die Region Fürstenwalde (Oder-Spree) vermarktet. Ebenso verrückt wie unpraktisch auch die Fahrräder von Dieter Senft aus Kolpin (Oder-Spree). Sie waren der Guinness-Redaktion schon rund ein Dutzend Einträge wert; unter anderem für das mit gut 25 Metern längste und das mit 7,18 Metern höchste Zweirad der Welt. Die Stadt Bernau (Barnim) unternahm ihrerseits beachtliche Anstrengungen und versammelte mehr als 2000 Weihnachtsmänner - teils aus Fleisch und Blut, teils aus Holz und Pappe. Auch hierfür gab es einen Eintrag.

Der Kunstschmied Wilfried Schwuchow aus Angermünde (Uckermark) baute die mit einem Durchmesser von 4,70 Metern weltgrößte Taschenuhr. Umherfahrende Lokomotiven zeigen die Zeit an: Die Minuten werden durch die zurückgelegte Strecke dargestellt, die Stunden durch Einfahrt in einen von zwölf Lokschuppen. Wie pünktlich die Bahn fährt, ist eine andere Frage. Das zeigt die Uhr nicht.

Der größte Pinsel der Welt ist 15 Meter lang und wiegt gut 500 Kilogramm. Gebaut haben das völlig unpraktische Utensil aus Holz und Stahl drei Bastler aus Vetschau (Oberspreewald-Lausitz). Nun braucht man nur noch kübelweise Farbe und einen Kran, und fertig ist das zweifelsfrei guinnesswürdige Gemälde.

Noch in Arbeit ist der Rekord von Wilko Jäschke. Der 24-Jährige Maurer aus Jüterbog (Teltow-Fläming) sitzt seit mehr als einem Monat auf einem 2,50 Meter hohen Pfahl im niedersächsischen Heidepark Soltau, und dort auf einem 40 mal 60 Zentimeter großen Brett, wo er auch isst und schläft. Noch drei von ursprünglich neun Teilnehmern versuchen, den alten Weltrekord von 167 Tagen zu brechen. Alle zwei Stunden dürfen sie den Pfahl für zehn Minuten verlassen; Anlehnen oder Hinlegen sind verboten.

Doch auch jenseits von Guinness tobt die Rekordsucht: Heute abend kürt die Stadt Werder die dickste Erdbeere.

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