Der Tagesspiegel : Guter Zauberer, böser Zauberer

Schon zum fünften Mal traf sich die europäische Trickfilm-Branche in Potsdam

Nino Ketschagmadse

Potsdam. Im Trickfilm ist die Welt noch in Ordnung. Leider sogar ein bisschen „zu sehr“. Das ist zumindest das Fazit vieler Verleiher, Einkäufer und Investoren nach drei Tagen „Cartoon Movie“, der 5. Europäischen Trickfilmmesse, die am Wochenende in Potsdam-Babelsberg zu Ende ging. Tapfere Helden kämpfen gegen böse Mächte, denen man ihre Gaunereien schon am spitzen Kinn ansieht. Am Ende siegt natürlich der Gute, zur Belohnung gibt’s die ersehnte Liaison mit der Schönsten weit und breit.

Keine besonders aufregende Mixtur, um sich stärker gegen amerikanische Produkte zu behaupten. Doch gerade weil Hollywood – unter anderem mit „Ice Age“ oder Disneys „Monster AG“ – bewiesen hat, dass computergenerierte Spielfilme das Zeug zum Welterfolg haben, spielen rund ein Drittel der seit Donnerstag in Potsdam vorgestellten 49 Projekte mit dreidimensionalen Effekten. „Zurück nach Gaya“ etwa, an dem in Hannover seit zwei Jahren rund 70 hoch qualifizierte Programmierer, Grafikdesigner und Animatoren tüfteln, um Hautfalten oder Muskelbewegungen täuschend echt darzustellen. Der Film spielt einmal mehr mit der Idee, was wäre, wenn Serienfiguren plötzlich ihrem kreativen Schöpfer gegenüberstehen. Die Auflösung soll Ostern 2004 folgen. Dann bringt der Verleih Warner Brothers („Harry Potter“) „Zurück nach Gaya“ ins Kino. Ob auch in den USA, wird sich zeigen. Wenngleich Produzent Holger Tappe überzeugt ist, mit Akribie zum Erfolg zu kommen: Den „Zeichnern“ hatte er Spiegel neben die Computer gestellt, damit diese alle Mimiken genau vor Auge haben. Das sei die Nische, die Konkurrenten aus Übersee hinterlassen. „Von Cartoon kann man bei unserem Film gar nicht mehr reden.“

Auf Akribie setzen auch die polnischen Schöpfer von „Mr. Blott’s Triumph“, die zum ersten Mal ein Projekt eines EU-Beitrittskandidaten präsentieren. Nächstes Jahr sollen weitere Projekte aus anderen östlichen Staaten folgen. Skeptiker sprechen hingegen davon, dass es nur darum geht, dem Standort Potsdam auf diese Weise neue Projekte im Bereich Postproduktion zuzuschanzen. Der polnische Film jedenfalls kämpft bisher vergeblich um einen deutschen Verleih, obwohl die Handlung der Mischung aus Animation und Realfilm an den auch in der DDR beliebten Spielfilm „Die Akademie des Herrn Klecks“ angelehnt ist.

Nicht nur diese Geschichte um einen Professor und seinem Schüler, die einem bösen dicken Mann sein Handwerk legen wollen, setzt auf bewährte Stoffe. Neben einem ins Jahr 3000 verlegten Pinocchio-Abenteuer, diversen Wiedersehen mit Merlin, Hans Christian Andersen-Figuren oder einer Adaption von Sergio Bambarens Novelle „The Dreaming Dolphin“ steht mit „Oh, wie schön ist Panama“ auch der erste Langfilm mit Janosch-Ideen ins Haus. Mit guten Erfolgsaussichten: Die Figuren der bereits 1979 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichneten Geschichte sind generationsübergreifend – und damit ein Selbstläufer.

Gemessen an dem Zuspruch des Fachpublikums – rund 460 Teilnehmer waren gekommen – braucht sich auch die französisch-amerikanische Ko-Produktion „Robota“ keinerlei Gedanken um den kommerziellen Erfolg zu machen. Regisseur ist Doug Chiang, der bei „Star Wars“ Designer war. Entsprechend imposant das Erscheinungsbild der künstlichen Intelligenzen in den wenigen vorliegenden Minuten fertiger Film.

Solche Effekte sind nicht billig: Das Finanzvolumen der vorgestellten Projekte lag bei 349 Millionen Euro. Für etwa 15 Filmprojekte im Entwicklungsstadium konnten denn auch gleich vor Ort die nötigen Garantiesummen akquiriert werden (insgesamt 120 Millionen Euro), um die Finanzierung in nächster Zukunft abzuschließen.

Beste Chancen haben dabei Konzepte mit bekannten Synchronstimmen. Das hat sich spätestens seit dem Film „Chicken Run“ herumgesprochen, in dessen Originalversion Mel Gibson ungewohnt locker daherkam. Kein Wunder, dass von Produzenten bekannten Filmgrößen wie Ewan McGregor („Lebe lieber ungewöhnlich“, „Star Wars“) ins Gespräch gebracht werden. Die Schauspielerlegende Philippe Noiret („Das große Fressen“) hat derartige Unterstützungsarbeit für die aufstrebende europäische Zeichentrickbranche gerade hinter sich. Seine Stimme verleiht einem russischen General in der französisch-italienischen Produktion „The Dog, the General and the Birds“ den perfekten Klang. Die poetische Geschichte um den alten Mann der tagtäglich von Vögeln sprichwörtlich angeschissen wird, zeigt aber vor allem, dass Animations- und Autorenfilm kein Widerspruch sein müssen. Denn sie stammt von Fellinis Drehbuchautor Tonino Guerra.

Trotzdem wird der Film wohl nicht den Weg in die deutschen Kinos finden. Das ist bezeichnend für die hiesige Verleihpolitik. Hier verlässt man sich anscheinend lieber auf simplere Kost und lässt das Publikum auf die Fernseh-Ausstrahlung der wenigen Perlen unter den aktuellen Trickproduktionen warten. Der Kostendruck, das hört man in der Branche längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand, ist einfach zu groß. Nachdem selbst Disney mit seinem Schatzplaneten im letzten Weihnachtsgeschäft Schiffbruch erlitten hat, geht man eben lieber kein Risiko ein.

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