Der Tagesspiegel : Gutmenschen sind los

Harald Martenstein

Eigentlich müsste ich längst Nationalsozialist sein. Ich besitze seit Jahren das Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler und habe es auch weitgehend gelesen. Vielleicht bekomme ich mildernde Umstände, weil ich Geschichte studiert habe. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass die Lektüre von „Mein Kampf“ auch für die meisten anderen Menschen von heute harmlos ist. Nicht, weil das Buch so furchtbar schlecht geschrieben wäre, was ja oft behauptet wird. „Mein Kampf“ ist, stilistisch, auch nicht viel schlechter geschrieben als „Feuchtgebiete“.

Sind Sie christlich? Nein? Heide, so, so. Dann werden Sie sich, vermute ich, durch ein paar Stunden Bibellektüre nicht zum Christentum bekehren lassen. Genauso unwahrscheinlich ist es, dass ich, falls ich einige Monate lang den „Vorwärts“ abonniere, anschließend in die SPD eintrete. Das Entstehen einer Meinung in einem Kopf ist ein komplexer Vorgang, bei dem vieles zusammenspielt, Bildung, Familie, soziale und historische Situation, Vorbilder. Lektüre kann eine Rolle spielen, vor allem als Verstärker, dann aber muss sie den Ton und das Gefühl ihrer Zeit treffen, bei alten Nazitexten ist dies in der Regel nicht der Fall.

Wer Zeitungen aus der Nazizeit liest, staunt darüber, wie vieles man damals über die Verbrechen und Pläne des Regimes wissen konnte. Vieles stand in der Zeitung. Und wer sich mit der Nazizeit befassen möchte, der kann dies nicht tun, ohne sich tatsächlich mit der Nazizeit zu befassen. Ein britischer Verleger bringt nun unter dem Titel „Zeitungszeugen“ deutsche Originalzeitungen der Jahre 1933 bis 1945 auf den Markt, jeweils ein kleines Paket, kommentiert von Historikern. Die bayrische Regierung will das verbieten lassen, ein gutes Beispiel dafür, wie kontraproduktiv unintelligenter Antifaschismus sein kann.

Es ist rührend, mit welcher Naivität die Verbotsapostel an die magische Macht des Wortes glauben. Den kommentierten „Völkischen Beobachter“ wollen sie verbieten, weil die Lektüre dieser Schwurbelsätze angeblich Nazis produziert, während im Fernsehen, zum Beispiel bei Guido Knopp, fast ununterbrochen NS-Wochenschauen und ähnliches, sehr viel suggestiveres Propagandamaterial zu sehen ist. Außerdem druckt „Zeitungszeugen“ auch Anti-NS-Blätter nach, etwa den „Vorwärts“. Tatsächlich, zum ersten Mal seit 1945 soll in Deutschland eine SPD-Zeitung verboten werden, ausgerechnet von wild gewordenen Gutmenschen.

Im Zweifel sollte man sich in einer Demokratie natürlich gegen Verbote entscheiden. Dieser Fall ist besonders verrückt. In genau jener Ausgabe der „Vossischen Zeitung“, gegen die zur Zeit Verbotsbemühungen laufen, wird auch über die Zeitungsverbote der Nazis berichtet.

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