Der Tagesspiegel : Gymnasium Neuzelle: Internationales Projekt vor dem Aus

Claus-Dieter Steyer

Das größte und in seiner Art einzigartige deutsch-polnische Gymnasium in Neuzelle bei Eisenhüttenstadt kann möglicherweise nicht in bisheriger Form fortgeführt werden. Nach den Plänen des Landkreises Oder-Spree soll es vor allem aus finanziellen Gründen in eine private Trägerschaft überführt werden. Das Gymnasium befindet sich in Trägerschaft des Landkreises. "Niemand gibt uns bis jetzt die Garantie für die Fortsetzung dieser internationalen Schule", sagte Lehrersprecherin Astrid Nauck gestern auf einem Aktionstag des im Zisterzienserkloster eingerichteten Gymnasiums. Schüler, Lehrer, Eltern und Kommunalpolitiker machten auf die ihrer Meinung nach "bedrohliche Situation" aufmerksam.

Notfalls müsse das Land als Träger einspringen, wenn es der Kreis nicht mehr schaffe, verlangte Elternvertreter Steffen Fuchs. In Sachsen und Sachsen-Anhalt funktioniere eine solche Konstruktion für Gymnasien mit einem speziellen pädagogischen Anspruch. Politiker würden gerade Neuzelle immer wieder als Symbol einer guten deutsch-polnischen Nachbarschaft hinstellen und bei allen möglichen Anlässen loben. "Jetzt müssen sie sich auch einmal konkret für unsere Kinder und gegen eine Privatisierung einsetzen", sagte Fuchs.

Derzeit besuchen 582 Schüler in den Klassen 7 bis 13 das Neuzeller Gymnasium. 66 Jungen und Mädchen kommen aus Polen, die hier ihr Abitur ablegen. Es handelt sich um die besten Teilnehmer eines Vorbereitungskurses in Zielona Gora. Im Unterschied zu ähnlichen Projekten in Guben oder Frankfurt (Oder) wohnen die meisten Polen zusammen mit deutschen Mitschülern im Internat oder bei Gastfamilien in der Umgebung. "Wir fühlen uns inzwischen sehr wohl hier", sagte Agnieszka Grelak aus der 12. Klasse. Anfangs habe es zwar Vorurteile gegeben. Aber inzwischen könne auf beiden Seiten von einem guten Verhältnis gesprochen werden. "Wir verbringen die meiste Zeit des Tages mit deutschen Freunden."

Als zweite Fremdsprache kann in Neuzelle Polnisch gewählt werden. Fächer wie Politische Bildung, Musik oder Geschichte legen besonderen Wert auf das Nachbarland. Andererseits erhalten die Polen zusätzlichen Unterricht in polnischer Geschichte, um deren Bewerbungschancen an Universitäten zu erhöhen. Ihr Religionsunterricht findet in katholischen Kirchengemeinden statt.

Nach Angaben des Bildungsausschusses des Landkreisestages kostet das deutsch-polnische Projekt jährlich rund eine halbe Million Mark. Davon tragen 300 000 Mark das Land und 200 000 Mark der Kreis. Dieser Zuschuss ermöglicht erst die Teilnahme polnischer Schüler. Das deutsch-polnische Projekt besteht seit acht Jahren. Die polnischen Schüler sind bislang kostenfrei im Internat oder bei Gasteltern untergebracht.

Bisher tauchten die polnischen Schüler in keiner Bewerbung der in Frage kommenden vier privaten Schülerträger auf, erregte sich Lehrersprecherin Nauck. Sie warf der Kreisverwaltung vor, "unsensibel" zu verfahren. Die Schülerzahlen gingen zwar auch in Ostbrandenburg zurück, aber das dürfe nicht ausgerechnet dieses internationale Projekt treffen. Der Kreistag entscheidet voraussichtlich am 12. Dezember über die Zukunft des Neuzeller Gymnasiums.

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