Der Tagesspiegel : Hafenrundfahrt statt Kohletagebau

CLAUS-DIETER STEYER

GROSSRÄSCHEN .Architekturstudenten haben dem Bürgermeister der Lausitzer Kleinstadt Großräschen vor einigen Jahren einen Floh ins Ohr gesetzt.Er solle seinen seit Jahrzehnten durch Kohle geprägten Ort doch in eine Park- und Hafenstadt verwandeln, schrieben sie in ihrer Studie über die 90 Kilometer südlich Berlins gelegene Kommune.Mit kühnen Strichen verzauberten sie das riesige Tagebauloch am Ortsrand in ein Bade- und Segelrevier, die heute im Nichts endende Straße wurde zur Landungsbrücke für große Fahrgastschiffe, auf jetzigem Ödland erschienen plötzlich die schönsten Ein- und Zweifamilienhäuser, und statt der dunklen Rauchwolken aus der großen Brikettfabrik sollten ausgedehnte Grünanlagen das Bild der 13 000-Einwohner-Stadt an der Autobahn nach Dresden für den Durchreisenden bestimmen.

Fünf Jahre sind die Gedankenspiele jetzt alt.Seitdem gingen sie weder Bürgermeister Thomas Zenker noch den Stadtverordneten aus dem Sinn.Die Ideen breiteten sich plötzlich in der ganzen Region als ein faszinierender Hoffnungsfunke aus."Vielleicht lag es an den gewiß etwas überdrehten Plänen der Studenten für unsere geschundenen Landschaften", sagt der Bürgermeister."Aber so wurden sie zumindest wahrgenommen.Jetzt könnte es sogar mit der Park- und Hafenstadt klappen."

Er gerät beim Spaziergang an die Tagebaukante ins Schwärmen.Berlin habe mit dem Potsdamer Platz zwar die größte Einzelbaustelle Europas, aber die Lausitz zwischen Cottbus und Finsterwalde sei die größte Landschaftsbaustelle des Kontinents.Nirgendwo sonst würden nach dem Ende der meisten Tagebaue so riesige Mengen Erde bewegt und kilometerlange Seen angelegt.Dann spricht der Großräschener Bürgermeister zaghaft einen Namen aus, der in der Region bisher nur hinter vorgehaltener Hand buchstabiert worden war: Internationale Bauausstellung (IBA) "Fürst-Pückler-Land".Doch seit der Sitzung der Landesregierung vor Ostern in Cottbus ist das Projekt für die Öffentlichkeit nicht mehr tabu.Jährlich 2,4 Millionen Mark sicherte Ministerpräsident Stolpe dem Modellvorhaben zu.

Dabei wird es im eigentlichen Sinn in der Lausitz keine Bauausstellung geben.Vielmehr sollen Beispiele für den Umgang mit einer vom Tagebau völlig zerstörten Natur gegeben werden.Interessenten dafür gäbe es in Europa genug.Schließlich hat der Braunkohletagebau weite Gebiete in der Tschechischen Republik, der Slowakei, in Ungarn, der früheren Sowjetunion oder in Deutschland selbst geprägt.

Vorbild für die Brandenburger IBA-Phantasten um Professor Rolf Kuhn ist die Emscherregion im Ruhrgebiet, wo die Wiederbelebung eines 200 Hektar großen ehemaligen Bergbaugebietes dargestellt wird.Von früheren Schlackehalden schweben hier beispielsweise Drachenflieger ins Tal, und in riesigen Maschinenhallen gastieren Theaterensembles.So etwas ist in Großräschen und Umgebung im Augenblick nur mit sehr viel Phantasie vorzustellen.

Denn die einstige Hauptverkehrsstraße der Kleinstadt endet in einer Mondlandschaft.4000 Menschen mußten hier zwischen 1985 und 1991 wegen der Braunkohle ihre Häuser und Grundstücke aufgeben.Bürgermeister Zenker aber deutet schon auf Konturen des künftigen Hafens hin."Fahrgastschiffe oder Segler könnten von hier aus zu Fahrten auf vier zusammenhängenden Seen starten.Eine mindestens 55 Kilometer lange Strecke steht ihnen zur Verfügung." Allerdings müsse man eben nur bis 2010 oder 2020 warten.Dann sei das riesige Kohleloch mit Grund- und Spreewasser gefüllt.Die Ufer böten genügend Platz für Wohnhäuser - genau wie es die Studenten einst vorgeschlagen hatten.

Zusätzlich soll eine besondere Attraktion die Besucher einmal in Scharen in diesen Zipfel der Lausitz locken.Gegenüber von Großräschen, auf der anderen Seite der Autobahn, steht eine der größten Braunkohleförderbrücken der Welt: 500 Meter lang, 74 Meter hoch und 13 000 Tonnen schwer.Die "F 60" ging nach nur wenigen Betriebsmonaten 1992 außer Betrieb und überragt jetzt als Koloß die Gegend bei Lichterfeld.Für die Internationale Bauausstellung ist hier ein Hauptanziehungspunkt geplant.Das Amt Kleine Elster in Massen erwarb deshalb den Stahlgiganten und will ihn für Neugierige und Künstler begehbar machen.Im Dreieck zwischen Berlin, Leipzig und Dresden gelegen, sei mit jährlich 80 000 bis 100 000 Menschen an der Förderbrücke zu rechnen, sagten Experten voraus.Sicher spielt bei diesen Prognosen die Nähe des künftigen Lausitzringes eine Rolle.Rennbesuchern und ihren Familien würde mit der Förderbrücke ein weiteres Ausflugsziel geboten.

Dennoch hören sich die Pläne mit der "F 60" wagemutig an.Optimisten verweisen auf das Beispiel Großräschen.Kaum jemand hätte vor fünf Jahren die Ideen der Architekturstudenten ernst genommen.Heute seien die Zweifler schon in der Minderheit.

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