Der Tagesspiegel : "Hakenkreuzwald": Holzfäller im Forst bei Zernikow

Claus-Dieter Steyer

Schon vor dem Morgengrauen dröhnten gestern Motorsägen im so genannten Hakenkreuz-Forst bei Zernikow in der Uckermark. Nach drei Stunden war der Spuk bereits beendet. Das 1938 mit Lärchen im Kiefernwald angelegte riesige NS-Symbol fiel buchstäblich in sich zusammen. Nur noch einzelne Bäume und ein rechter Winkel wurden von den Holzfällern verschont. Diese stehen auf Privateigentum, der andere Teil gehört der Treuhand-Nachfolgerin Bodenverwertungs- und Verwaltungsgesellschaft (BVVG). "Wir haben Order erhalten, das Hakenkreuz zu beseitigen", sagte der zuständige Oberförster Rolf Leib. Allerdings wusste er gar nicht genau, von wem nun genau die Anweisung gekommen war. "Entweder Ministerium, Landrat oder BVVG. Egal. Hauptsache, es kehrt wieder Ruhe bei uns ein", meinte Leib.

Viele Geschichten und Legenden ranken sich um das bis gestern 60 Meter lange und 60 Meter breite Viereck mit dem Hakenkreuz. Zur Zeit der Anpflanzung der Lärchen vor 62 Jahren muss das Gebilde auch vom Boden aus noch erkennbar gewesen sein. Jedenfalls sei der "Hakenkreuz-Forst" in der Gegend ein Begriff gewesen, bestätigt der Revierförster. Nur über die Urheberschaft gehe nach wie vor der Streit. Entweder hatte Rittmeister Hans von Wedel als Waldeigentümer die Idee dafür oder der damalige Förster Walter Schmidt. Beide können nicht mehr befragt werden. Doch auch in anderen Gegenden des Deutschen Reiches sollen in den dreißiger Jahren NS-Symbole gepflanzt worden sein. "Das scheint damals Mode unter linientreuen Förstern gewesen zu sein", sagt der Sprecher des Brandenburger Forstwirtschaftsministeriums, Jens-Uwe Schade.

Der heutige Wald bei Zernikow war 1938 noch eine kahle Fläche. Neben den Kiefern wurden in sechs Reihen von jeweils sechs Meter Breite die schnell wachsenden Lärchen gesetzt. "Spätestens nach 20 bis 25 Jahren muss das gewünschte Bild nur noch aus der Luft erkennbar gewesen sein", sagte Förster Ulrich Koch. "Da war der Wald von unten schon dicht." Tatsächlich stieß 1992 ein Auswerter von Luftbildaufnahmen auf das Hakenkreuz im Wald. Das entscheidende Foto war im Herbst entstanden, wo die Lärchen ihre Nadeln gelb-braun färben und sich so von den Kiefern absetzen. Auch im Frühjahr zeigt sich so ein Kontrast, wenn der eigentümliche Nadelbaum seine neuen zartgrünen Nadeln austreibt.

Kurz nach der Entdeckung des Kreuzes auf den Luftbildern erschienen Berichte und Fotos in vielen Medien. Die Forstverwaltung schickte daraufhin Holzfäller in das Revier, um rund 20 Lärchen zu entfernen. Doch die Kontrolle über den Erfolg der Arbeit aus der Luft fehlte. Es wuchs Gras über die Sache, ehe in diesem Herbst wieder ein Flieger über Zernikow kreiste und das Hakenkreuz in voller Pracht erspähte. Erneut folgten Schlagzeilen, die schließlich zum gestrigen Radikalschnitt führten. Auf einem Luftbild mit den 57 in symbolischer Form stehenden Bäumen hatte Leib 25 angekreuzt, die am Montag fielen.

Die Förster versicherten, dass die jetzt zurückgebliebenen breiten Schneisen kein Symbol mehr ergeben. "Da wachsen Rotbuchen schnell nach, und auch die Kiefern breiten sich in ihren Kronen aus", erklärt Ulrich Koch. Ein zusätzliches Pflanzen neuer Bäume wäre aus seiner Sicht viel zu aufwendig. Ohnehin sei der "Hakenkreuz-Forst" nie Aufmarschplatz von Rechten gewesen.

Dennoch blieb gestern die Frage offen, warum nicht schon zu DDR-Zeiten die im rechten Winkel zueinander stehenden Lärchen gefällt wurden. "Zu DDR-Zeiten sind Agrarflugzeuge noch und nöcher drübergeflogen und keiner hat was bemerkt", sagte Oberförster Leib. "Die sind doch nur im Frühjahr und Sommer geflogen", meinte ein Mann aus Zernikow. "Das hat bei uns niemand gewusst. Höchstens die Alten. Die haben nicht viel gesagt."

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