Halberstadt-Prozess : Hauptangeklagter legt Teilgeständnis ab

In Magdeburg wird vier Jugendlichen aus der rechten Szene der Prozess gemacht, die im Juni Mitglieder einer Theatergruppe überfallen haben. Dem Hauptangeklagten Christian W. drohen bis zu vier Jahren Haft.

Christian W. Halberstadt
Der Hauptangeklagte Christian W. zum Prozessbeginn in Magdeburg.Foto: dpa

Magdeburg Die Staatsanwaltschaft wirft den vier mutmaßlichen Tätern im Alter von 22 bis 29 Jahren gefährliche Körperverletzung vor. Sie geht allerdings von weiteren sechs Tätern aus, die bisher nicht gefasst wurden. Zum Prozessauftakt legte der Hauptangeklagte Christian W. ein Teilgeständnis ab und kündigte seinen Ausstieg aus der Szene an.

Einige der Ensemble-Mitglieder, von denen fünf bei dem Überfall in den frühen Morgenstunden des 9. Juni erheblich verletzten worden waren, leiden nach Angaben ihrer Anwälte noch immer unter Angst und Schlafstörungen. Das Amtsgericht Halberstadt führt den Prozess aus Platzgründen im Gebäude des Magdeburger Landgerichts. Laut Staatsanwaltschaft sind alle Angeklagten unter anderem wegen Gewaltdelikten vorbestraft. Seit Juni befinden sich die Männer in Haft. Sie sollen gemeinsam mit anderen Tätern 14 Mitglieder des Nordharzer Städtebundtheaters nach einer Premierenfeier der "Rocky Horror Show" angegriffen haben.

Täter kommen aus der rechten Szene

Ein 21-jähriger Künstler erlitt unter anderem einen Nasenbeinbruch. Vier Ensemble-Mitglieder mussten mit abgebrochenen Schneidezähnen, aufgeplatzten Lippen und blau geschlagenen Augen in eine Klinik. Die Angeklagten sollen die Opfer zunächst mit Fäusten geschlagen, dann zu Boden geworfen und getreten haben. Einige der Frauen und Männer der Theatergruppe trugen bunt gefärbte oder lange Haare. Sie hätten dem Anschein nach Linke sein können, sagte Staatsanwalt Harald Sehrosch zum möglichen Tatmotiv. Seinen Angaben zufolge gab es mindestens sechs weitere bislang unbekannte Täter.

Der Hauptangeklagte Christian W., der nach eigenen Worten viel Alkohol getrunken hatte, bestritt dies in einer schriftlichen Erklärung, die sein Anwalt vorlas. Er habe allein vor einer Kneipe gestanden, als sich die Theatergruppe genähert habe. Einige Personen hätten auf ihn gezeigt und ihn beschimpft. Er habe die Gruppe zur Rede gestellt und sei erneut beschimpft worden. "In dem Moment fiel bei mir die Klappe und ich habe losgeschlagen", behauptete er. Die anderen drei Angeklagten seien am Tatort gewesen, er habe aber nicht gesehen, ob sie in die Schlägerei verwickelt gewesen seien. "Ich will weg vom Alkohol und aus der rechten Szene aussteigen", betonte der 22-Jährige. W. werden neben der gefährlichen Körperverletzung Beleidigung und Verstoß gegen das Waffenrecht vorgeworfen. Sein Anwalt äußerte am Rande des Verfahrens die Hoffnung, dass die sechseinhalb Seiten lange Erklärung W. eine mildere Strafe von bis zu drei Jahren im offenen Vollzug einbringen könnte. Ansonsten drohen Christian W. bis zu vier Jahre Haft.

Künstler leiden unter Schlafstörungen

Der Intendant der Theatergruppe, André Bücker, sagte am Rande des Prozesses zu W.'s Darstellung: "Man kann davon ausgehen, dass Musiker, Tänzer und Sänger früh um drei Uhr nicht pöbelnd herumziehen". Die Anwälte der Ensemble-Mitglieder, von denen fünf als Nebenkläger auftreten und zum Verhandlungsauftakt erschienen waren, beklagten die psychischen Folgen für ihre Mandanten. "Sie sind heute hier, um Gesicht zu zeigen, aber es fällt ihnen schwer", sagte eine Anwältin.

Der Überfall auf die Theatergruppe hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, auch weil die Polizei nach dem Einsatz einige "Fehler und Pannen" einräumen musste. So hatten die Beamten einige der Tatverdächtigen am Tag des Geschehens zunächst wieder laufen lassen. Als Konsequenz wurde der zuständige Dienstgruppenleiter von seiner Funktion entbunden. (mit AFP)