Der Tagesspiegel : Hans und die Alufolie
11.02.2012 00:00 UhrAbtauchen gilt nicht. Das Forum Expanded, das vor sieben Jahren ins Leben gerufen wurde, um die Berlinale für Filme an der Schnittstelle zwischen Kino und Kunst zu öffnen, verlangt dem Zuschauer einiges ab. Am meisten die Konfrontation mit sich selbst. Während die im letzten Jahr eingereichten Arbeiten sehr politisch und dokumentarisch ausfielen, sind die Werke diesmal weit experimenteller. Die Künstler erproben verstärkt Darstellungsformen, die die Subjektivität und Widersprüchlichkeit von Geschichte verdeutlichen. Hier soll sich niemand im Sessel zurücklehnen und wie durchs Guckloch die Krisenschauplätze der Welt beobachten.
Die amerikanische Künstlerin Eve Sussman übergibt in ihrem Film „witeonwhite:algorithmicnoir“ die Kontrolle an einen Computer – und nimmt gerade dadurch den Zuschauer in die Pflicht.
Drei Jahre lang drehte Sussman mit Schauspielern, Künstlern und Performern in der kasachischen Wüste. Die so entstandenen 3000 Filmsequenzen im Stil eines Film Noir, 80 Tonspuren sowie 150 Musiken werden im Kinosaal von einem Computer auf Basis eines Algorithmus kombiniert, bei jedem Screening immer wieder neu und anders. Wie viel Zufall und starre Maschinenlogik auch im Spiel sein mag, der Zuschauer macht das gegebene Material im Kopf zur Geschichte. Sussman erprobt hier nicht nur eine alternative Form der Narration, sie erinnert gleichzeitig daran, was Realität eigentlich ist; nämlich die höchst subjektive Interpretation jedes Einzelnen.
Auch Kurzfilme, wie Ahmad Ghosseins „My father is still a communist, intimate secrets to be published“, der auf Audio-Liebesbriefen seiner Eltern zur Bürgerkriegszeit im Libanon beruht, oder Paul Gedays „Bye Bye“ über die Revolution in Kairo beleuchten Gesellschaft und Politik aus einer sehr subjektiven Sicht. Auch wenn die Künstler unterschiedliche formale Wege wählen, scheinen sie gleichermaßen zu spüren, dass Begriffe wie Krise oder Politik so abstrakt geworden sind, dass der gangbarste Weg zur Orientierung die Frage nach der eigenen Erfahrung ist. Was haben Krise, Globalisierung, Öffentlichkeit, Politik – man könnte ewig fortfahren, leere Worte aneinanderzureihen – mit dem Einzelnen zu tun? Und warum verstehen wir die Welt nicht mehr? Dass es daran liegen könnte, dass im Grunde alle Informationen und Bilder, die uns zur Verfügung stehen, auch nur Fiktion sind, diesen Hinweis liefert der in Glasgow lebende Ire Duncan Campbell mit seiner grandiosen Film-Collage „Arbeit“.
Campbell, der 2008 den renommierten Baloise-Kunst-Preis der Art Basel gewann, hat bereits mehrere Biopics ähnlicher Machart gedreht. Jedes Mal stehen Personen im Mittelpunkt, die den Lauf der Geschichte auf ihre Art beeinflusst haben – zumindest wenn der Regisseur das so sehen will. In „Arbeit“ erzählt Campbell die Geschichte der Bundesrepublik anhand des deutschen Ökonomen Hans Tietmeyer. „Du, Hans, wurdest 1931 in Westfalen geboren“, lässt ein Sprecher verlauten und erzählt in den nächsten 40 Minuten anhand von Familienfotos, Werbung oder alten Wochenschau-Clips, wie Deutschland im Krieg versinkt, wieder gedeiht, sich teilt, sich wiedervereint, den Euro einführt und „Hans“ sich zum Chef der Deutschen Bundesbank aufschwingt.
„Arbeit“ könnte man sich durchaus im Kino vorstellen, die Kuratoren haben aber bewusst entschieden, Campbells Collage in der unbequemeren Situation der Kunstsäle zu zeigen – neben dem Gutschow-Haus in Kreuzberg einer der Off-Site-Orte des Forum Expanded. In der dortigen Ausstellung „Kritik und Klinik“ werden gescheiterte, avantgardistische Ideen aus den sechziger und siebziger Jahren erneut für die Gegenwart befragt. Im Film „All Divided Selves“ beschäftigt sich der junge britische Filmemacher Luke Fowler mit dem charismatischen Psychiater R. D. Laing, einer zentralen Figur der Anti-Psychiatriebewegung der sechziger Jahre, der für die Gleichstellung von Patient und Psychiater plädierte. In seinem Film kombiniert Fowler Found-Footage-Material rund um Laing mit Filmclips aus seinem eigenen Alltag. Auf der Bildebene und im Kopf entsteht so ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wie auch beim Berliner Videokünstler Florian Wüst. Wüst zeigt Wandzeichnungen und animierte Youtube-Clips und stellt den vergessenen Anti-Atomkraft-Aktivisten Hartmut Gründler ins Zentrum seiner Arbeit. Gründler ging in den 70er Jahren mehrmals in Hungerstreik, um gegen Atomkraftwerke zu protestieren, schließlich sprengte er sich in die Luft.
Figuren und Ideen aus der Vergangenheit spielen im Forum Expanded eine zentrale Rolle, ob im HAU, wo Catherine Sullivan und Farhad Sharmini eine Verfilmung des Theaterstücks „The Last Days of British Honduras“ zeigen, oder in den Kurzfilmprogrammen im Arsenal und im Delphi. Künstler und Filmemacher sind deutlich auf der Suche nach alternativen Handlungs- und Denkweisen – und manchmal ist deutlich Wut zu spüren.
Etwa bei dem 1933 geborenen US-amerikanischen Experimentalfilm-Pionier Ken Jacobs, mit „Seeking the Monkey King“ liefert er wohl die radikalste visuelle Erfahrung des gesamten Festivals. In einer 39 Minuten langen Animation verformt sich etwas, am ehesten ist es ein glitzerndes Stück Alufolie, das sich dreht und knüllt, unablässig in goldene, silberne und blaue Fragmente zerspringt. Überblendet wird das Ganze von Jacobs’ wütenden Textpassagen über die Gier und turbokapitalistische Verkommenheit der amerikanischen Politik und Gesellschaft. Der Film, zermürbend und durch den 3-D-Effekt auch körperlich fordernd, wirkt am Ende wie ein hypnotischer Trip ins Unterbewusstsein.
Berlinale, Forum Expanded: Kunstsäle, Bülowstraße 90 / Gutschow-Haus, Friedrichstraße 17; beide bis 19. 2. täglich von 11 - 18 Uhr













