Der Tagesspiegel : Hart am Wind

Hans-Joachim Mengel kämpft gegen Windräder und kann sich Hoffnung auf einen Sitz im Landtag machen

Claus-Dieter Steyer

Prenzlau - Sein Name steht auf dem Wahlschein für die östliche Uckermark an 16. und damit letzter Stelle. Obendrein tritt er weder für eine Partei noch für eine freie Wählergemeinschaft an. Der Einzug in den Landtag wäre also nur mit dem Gewinn des Direktmandats zu schaffen. Dennoch halten nicht wenige Beobachter des Wahlkampfes im nordöstlichen Brandenburger Zipfel eine Überraschung für möglich: Professor Hans-Joachim Mengel könnte für seine von ihm ins Leben gerufene Initiative „Rettet die Uckermark“ den Sprung in das neue Landesparlament schaffen. So ein Einzelsieg wäre nicht nur für Brandenburg ein Novum. Auch andere Landtage kennen solche Einzelerfolge nur selten.

Der 58-Jährige verdient sein Geld als Politikprofessor an der FU Berlin. Seinen Lebensmittelpunkt hat er vor einigen Jahren jedoch im kleinen Dorf Wartin gefunden. Das liegt zwei Autobahn-Ausfahrten vor der polnischen Grenze und besitzt wie so viele andere Orte ein schönes Schloss. Hier verwirklicht Mengel zusammen mit einem Partner seinen Traum von einer „Europäischen Akademie“. Studenten aus vielen Ländern arbeiten hier in der stimulierenden Atmosphäre der Abgeschiedenheit.

Doch diese Ruhe ist für Mengel mehr und mehr in Gefahr. Fast täglich verliere die Gegend ihren von Touristen und Einheimischen gleichermaßen geschätzten Reiz, riesige Windkraftanlagen beeinträchtigten die Sicht über Felder, Weiden und Wälder und stören mit ihrem brummenden Geräusch und ihrem Blinken in der Nacht. Der Professor aus Berlin kämpft wie kein anderer gegen diese Windmühlen. „Rettet die Uckermark“, lautet sein Ziel. Etwa 180 Anlagen stehen schon, ein Drittel der geplanten Zahl. Bei den letzten Kommunalwahlen im Oktober vergangenen Jahres bewarb er sich mit seiner Initiative erstmals um den Einzug in den Kreistag der Uckermark. Das gelang mit 10,6 Prozent aller Stimmen ziemlich souverän.

Seitdem mischt sich Mengel mit seiner Fraktion in viele aktuelle Debatten ein, auch wenn sich diese nicht um Windräder drehen. Auch auf einer Montagsdemonstration in Prenzlau ergriff er vor kurzem das Wort. „Demokratie bedeutet, alle paar Jahre Interessenvertreter ins Parlament zu schicken“, sagte er. „Das bedeutet aber nicht, dass die Bürger zwischen den Wahlen entmündigt sind.“ Mit Hartz IV gingen die Politiker an die Substanz, an die Menschenwürde, findet Mengel.

Kurz vor dem Erfolg bei den vorjährigen Kommunalwahlen musste der Wissenschaftler sein SPD-Mitgliedsbuch abgeben. Er wurde nach 37-jähriger Zugehörigkeit wegen seines Engagements für seine Initiative ausgeschlossen. Den Sozialdemokraten half der Rausschmiss allerdings wenig. Sie stürzten in Prenzlau und Umgebung auf 23 Prozent ab – vier Jahre zuvor hatten sie noch 42 Prozent erreicht. Den Bürgermeisterposten in Prenzlau verlor die SPD an die PDS. Auch diesmal dürfte es im Wahlkreis Prenzlau-Angermünde für die Sozialdemokraten nicht einfach werden. Sie schicken zwar mit Wolfgang Birthler den im ländlichen Raum durchaus anerkannten Landwirtschaftsminister ins Rennen, doch auch dieser muss sich gegen bundesweiten Abwärtstrend seiner Partei stellen.

Im Zweikampf zwischen PDS und SPD könnte der Professor mit seiner Initiative der lachende Dritte sein. Dessen Wahlprogramm kommt jedenfalls wegen der Klarheit bei vielen Wählern an. „Die Chance der Uckermark liegt im Tourismus“, sagt Mengel. „Er bietet jetzt schon mehr Arbeitsplätze als die Landwirtschaft. Die Industrie dagegen kann trotz einiger Erfolge in Schwedt oder in Prenzlau keine Jobs in großer Zahl bieten.“ Und Berlin sei wenigstens in einer Hinsicht mit Paris, New York oder London zu vergleichen: „Das sind alles Metropolen, deren Bewohner ruhige Rückzugsräume brauchen“, erklärt der Politikprofessor. „Die Uckermark kann diese Rolle für die Berliner ausfüllen – wenn sie sich nicht durch Windräder zupflastert.“ Es sei „unerträglich“, dass die Uckermark als eine der vernachlässigten Regionen Deutschlands nirgendwo eine vernehmbare Stimme besitze. „Das will ich ändern“, meint er zuversichtlich.

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