Harte Strafe : Urteil in Bagdad – Schuhwerfer muss drei Jahre hinter Gitter

Das Urteil ist gefällt: Der irakische Fernsehjournalist Muntaser al Saidi ist wegen seiner spektakulären Schuhattacke gegen Ex-US-Präsident George W. Bush zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im Gerichtssaal kam es zu minutenlangen Tumulten.

Martin Gehlen
Schuhwurf
Der Schuhwerfer von Bagdad erntete viel Zustimmung. -Foto: dpa

Bagdad"Lang lebe der Irak", schrie der Angeklagte, seine Tante fiel in Ohnmacht, Bruder und Schwester brachen in Tränen aus. Das übrige Publikum skandierte "Nieder mit Bush", bis dem Vorsitzenden Richter Abdul-Amir al-Rubaie schließlich der Kragen platzte. Unter minutenlangen Tumulten ließ er den Zuschauersaal räumen, dann erst las er die Urteilsbegründung gegen Muntazer al-Zaidi zu Ende. Drei Jahre muss der 30-jährige irakische Journalist, der zur Verhandlung in beigem Anzug und braunem Hemd erschien, für seine beiden spektakulären Schuhwürfe gegen George W. Bush ins Gefängnis. Die zwei dutzende Rechtsanwälte, die den über Nacht zum arabischen Helden aufgestiegenen Fernsehmann verteidigten, kündigten noch vor dem Gerichtsgebäude Revision an.

Seine Aktion sei "eine natürliche Antwort auf die Besatzung" gewesen, verteidigte sich der Angeklagte am Donnerstag vor dem Zentralen Strafgerichtshof in Bagdad, der normalerweise für Terrorverbrechen zuständig ist. Jeder andere Iraker hätte genauso gehandelt, erklärte al-Zaidi und plädierte auf "nicht schuldig". Als Motiv gab er an, er habe sich von dem eisigen Lächeln Bushs provoziert gefühlt. Zweimal hatte der damalige amerikanische Präsident bei seinem Abschiedsbesuch in Bagdad vor Herrenschuhen der Größe 43 in Deckung gehen müssen. "Das ist ein Abschiedskuss, du Hund", rief al-Zaidi, bevor ihn Sicherheitskräfte zu Boden warfen und abführten.

Nach Paragraph 223 des irakischen Strafgesetzes steht auf einen "Angriff gegen ein fremdes Staatsoberhaupt während eines Staatsbesuches" zwischen drei und 15 Jahren Haft. Versuche seiner Verteidiger, die Anklage in "Beleidigung eines fremdes Staatsoberhauptes" umwandeln zu lassen, waren im Vorfeld des Prozesses gescheitert. Beim ersten Verhandlungstermin am 19. Februar argumentierten sie dann, Bush sei als oberster Vertreter der Besatzungsmacht ohne Ankündigung und ohne Einladung in der irakischen Hauptstadt erschienen. Da es sich nicht um eine offizielle Visite gehandelt habe, sei der von der Anklage beantragte Straftatbestand nicht anwendbar. Diesen Einwand nahmen die Richter so ernst, dass sie den Prozess zunächst vertagten, um eine offizielle Auskunft von Premierminister Nuri al-Maliki einzuholen.

Es war eindeutig ein Staatsbesuch, verlas der Vorsitzende Richter dann am Donnerstag das Schreiben aus Malikis Büro. Paragraph 223 gilt also - so gesehen war die harte Strafe für al-Zaidi gleichzeitig auch ein mildes Urteil. Das Gericht habe das junge Alter des Angeklagten und seinen bisher tadellosen Lebenslauf als strafmildernd berücksichtigt, hieß es in der Begründung. Al-Zaidis Chefverteidiger Dhia al-Saadi hatte zuvor in seinem Plädoyer gefordert, seinen Mandanten freizusprechen und aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Dessen Motive seien "ehrenhaft" gewesen, er habe lediglich seine Gefühle gegen die amerikanische Besatzung ausdrücken wollen. Auch habe der Angeklagte nur Schuhe geworfen und keine Bomben. "Der Präsident hat weder ein Bein verloren, noch eine Hand oder einen Finger." Bei der spektakulären Aktion auf der Pressekonferenz handele es sich daher nicht um versuchten Mord. "Muntazer al-Zaidi wollte Bush beleidigen - als Vergeltung für das Leid, was die Iraker durch ihn erlebt haben."