Hartmut Dorgerloh : „Ein Problem für das Potsdamer Welterbe“

Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Preußischen Schlösserstiftung, warnt vor dem Aufbau eines Jachthafen nahe der Glienicker Brücke.

Unverbautes Idyll. Unweit der historischen Meierei am Jungfernsee ist eine Bootsmarina mit vier Stegen geplant – zum Ärger der Anwohner und des Schlösserchefs Dorgerloh.
Unverbautes Idyll. Unweit der historischen Meierei am Jungfernsee ist eine Bootsmarina mit vier Stegen geplant – zum Ärger der...Foto: dpa

Die Wogen um die Kaiserliche Matrosenstation „Kongsnaes“, die an der Glienicker Brücke wieder aufgebaut werden soll, schlagen hoch. Der Berliner Investor Michael Linckersdorff plant ein Ausflugslokal mit Biergarten und Jachthafen. Ist das mit dem Welterbe-Schutzstatus vereinbar?

Die Matrosenstation sähen wir auch gern wieder. Sie gehörte zum historischen Ensemble. Der Küchenanbau ist hinnehmbar. Mit der geplanten Marina sieht das anders aus. Das wäre eine Störung der Kulturlandschaft in ihrem Herzen zwischen Berlin und Potsdam und damit ein Problem für das Welterbe.

Wie ist die Stiftung bislang involviert?

Im Baugenehmigungsverfahren haben wir für den Wiederaufbau der Ventehalle und den angrenzenden neuen Küchenanbau eine prinzipiell positive Stellungnahme – mit Auflagen im Detail und zur Gestaltung – abgegeben. Aber diese gilt ausdrücklich nur für die Gebäude.

Hartmut Dorgerloh, Generalsekretär der Stiftung Preussischer Schlösser und Gärten.
Hartmut Dorgerloh, Generalsekretär der Stiftung Preussischer Schlösser und Gärten.Foto: ddp

Die Stiftung wurde vom jetzigen Projekt überrascht?
Ja, es hat uns irritiert. Nach den bisherigen Absprachen gingen wir von einem anderen Vorhaben aus, nämlich vom Wiederaufbau der ursprünglich vorhandenen Matrosenstation. Das war unsere Erwartung. Jetzt soll dort offensichtlich viel mehr passieren.

Warum haben Sie nicht interveniert?
Die komplette Planung wurde der Stiftung von der Stadt nicht vorgelegt. Wir haben beurteilt, ob die Gebäude den Umgebungsschutz des Neuen Gartens beeinträchtigen. Zur Steganlage konnten wir uns nicht äußern, weil sie in ihrer Dimension nicht dargestellt war. Es war nicht zu erkennen, wie weit die Stege in den Jungfernsee ragen. Auf dem Plan waren die Stege kurz hinter dem Ufer zu Ende.

Auf dem vom Investor am 20. Juli 2010 im Rathaus eingereichten Bauantrag waren die geplanten vier Stege vollständig eingezeichnet, einer 52 Meter lang, insgesamt 170 Meter. Legt die Stiftung ein Veto ein?
Wir haben massive Bedenken, dass eine solche Steganlage genehmigungsfähig wäre. Anders als beim Restaurant geht es nicht mehr allein um den Umgebungsschutz für den Neuen Garten. Hier geht es um die Gestaltung der gesamten Uferzone und um Sichtbeziehungen zwischen den einzelnen Anlagen, also von Sacrow, von der Pfaueninsel, von Glienicke aus. Das ist eine zentrale Problematik des Welterbes.

Wegen vier Bootsstegen?

Man muss sich vorstellen, dass dort sehr viele Boote dauerhaft liegen würden. Das wäre ein Problem für die gesamte Situation an diesem sensiblen Abschnitt. Es ist das Herz der Potsdamer Kulturlandschaft. Der Hafen würde das Gesamtbild, aber auch das der wieder aufgebauten Matrosenstation stören.

Der Investor argumentiert, dass an der Matrosenstation schon 1929 ein Hafen war.
Das ist nur bedingt vergleichbar. Es bleibt die Frage, ob man das unter heutiger Würdigung der Wertigkeit des Ensembles wieder zulassen sollte. 1929 gab es andere Schiffe, andere Stege. Und es gab vor allem keinen Welterbe-Status. Nicht alles, was es einmal gab, ist als Rekonstruktion auch sinnvoll.
Warum hat das nach früheren Konflikten um das Welterbe eingerichtete Frühwarnsystem von Stadt und Stiftung versagt?
Ich bedaure das. Es hängt meines Erachtens vor allem damit zusammen, dass der Bauherr jetzt erkennbar von dem abweicht, was wir, und meines Erachtens auch die Stadt, dort wollten und was auch die Anwohnerschaft erwartet hat.

Die Stadt hätte beim Verkauf des Grundstücks festlegen können, was möglich ist.
Das frage ich mich auch. Ich habe die städtische Planung immer so verstanden, dass eine Wunde in der Kulturlandschaft geheilt werden soll. Es gab hier keinen Zwang, keinen Druck, eine maximale Verwertung des Grundstücks herbeizuführen. Dass dabei auch heutige wirtschaftliche Prämissen zu berücksichtigen sind, ist selbstverständlich. Aber eben nicht zulasten des Unesco-Welterbes.

Die detaillierten Pläne liegen seit Sommer im Rathaus. Auf der Grundsteinlegung verlor Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) darüber kein Wort, obwohl die Baugenehmigung erteilt war. Wie bewerten Sie das?
Es wäre besser gewesen, wenn die Stadt die Beteiligten an einen Tisch geholt hätte, als der Bauantrag einging.
Lässt Potsdams Wachsamkeit gegenüber drohenden Bausünden wieder nach?

Ich setze darauf, dass es ein Betriebsunfall war und nicht zur Regel wird. Ich weiß, dass es eine hohe Sensibilität im Rathaus für diese Fragen gibt. Alles andere wäre weder für Potsdam noch für die Schlösser und Gärten gut. Der Fall zeigt eindrücklich, dass die Verantwortung für das Welterbe eben nicht allein bei der Stiftung liegt, sondern dass sich ein Teil des Welterbegebietes auf städtischem Terrain befindet, wie die Russische Kolonie, der Kapellenberg und eben die Schwanenallee.
Was sollte mit Kongsnaes jetzt geschehen?
Der Investor wäre gut beraten, den Bauantrag zu den Stegen in dieser Form nicht einzureichen. Stattdessen sollte vorher gemeinsam mit Stiftung und Denkmalamt überlegt werden, was verträglich möglich wäre. Da gibt es sicher Spielräume. Diese auszuloten muss auch Hauptanliegen der Stadt sein. Schließlich wollen wir eine Heilung des Potsdamer Welterbegebiets und keine Gefährdung des Welterbe-Titels.

Das Interview führte Thorsten Metzner

Hartmut Dorgerloh, geboren am 31. Mai 1962 und aufgewachsen in Potsdam, ist seit 2002 Generalsekretär der Stiftung Preussischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.artmut Dorgerloh, geboren am 31. Mai 1962 und aufgewachsen in Potsdam, ist seit 2002 Generalsekretär der Stiftung Preussischer Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.

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