Hausboot : Nie wieder Landratte

Hausboot fahren kann jeder lernen - in drei Stunden wird man zum Kapitän. Und viele wollen gar nicht mehr von Bord

Claus-Dieter Steyer
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Idylle pur. Seit zehn Jahren gibt es in Brandenburg den Charterschein für Hausboote. Was damals für viele ein Angriff auf die...

Rheinsberg Vor der ersten Brückendurchfahrt bei Rheinsberg beginnt an Bord des Hausbootes das große Feilschen. „Das wird eng“, ruft ein am Bug sitzender Mann aus dem sechsköpfigen Team warnend zum Kapitän. Die anderen Passagiere kneifen ihre Augen zusammen und vergleichen gestikulierend die Maße des gerade vor 20 Minuten ausgeliehenen Bootes mit der Brückenbreite.

Scherze fliegen hin und her, ehe die jüngste Dame an Bord den entscheidenden Tipp gibt: „Vorhin ist genauso ein fahrendes Bügeleisen wie unseres durchgekommen. Da klappt das auch bei uns.“ Notfalls würden ja die Fender, wie die an der Bordwand hängenden Gummipolster heißen, vor möglichen Beulen schützen.

Gesagt, getan. Der zum Kapitän erhobene Büroangestellte erinnert sich an die bei der Einweisung gehörten Regeln und steuert das „Bügeleisen“ oder „Eisenschwein“ genannte Hausboot durch die schmale Brücke. Das Manöver klappt zwar nicht ganz ohne ein kurzes Anstoßen, aber alle an Bord hatten sich die Prozedur viel schwieriger vorgestellt. Beim nächsten Mal fühlen sich die Besatzungsmitglieder schon als alte Hasen.

Hausboote für die Dauer eines Urlaubs auch ohne Bootsführerschein auf Flüssen, Seen und Kanälen zu steuern – das klang vor zehn Jahren wie ein Angriff auf die Grundfesten des Wassertourismus. Trotzdem wurde in Brandenburg der „Charterschein“ aus der Taufe gehoben, der lediglich eine dreistündige Einweisung durch den Bootsvermieter vorsah. Es fehlte damals nicht an Unkenrufen, die vor einem Chaos und erhöhtem Unfallrisiko auf den Wasserstraßen warnten. Heute hat sich die Idee längst zur Erfolgsgeschichte entwickelt. Vermieter, Marinas, Gasthäuser und auch die Wasserschutzpolizei sind voll des Lobes. Und aus dem anfänglich auf 80 Kilometer begrenzten „Charterbereich“ sind 470 Kilometer geworden.

Freizeitkapitäne müssen sich eigentlich nur zwei Zahlen merken: Maximal dürfen zwölf Personen an Bord sein, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei zwölf Kilometern pro Stunde und ab Windstärke fünf herrscht Fahrverbot.

Aus Polizeisicht gibt es mit den Charterbooten keine besonderen Probleme. „Wir registrierten im Vorjahr 33 Unfälle mit Hausbooten, davon waren 21 Kapitäne mit Charterscheinen“, sagt der Chef der brandenburgischen Wasserschutzpolizei, Hans-Joachim Werner: „Die meisten Bootsführer mit Charterscheinen verhalten sich vorsichtiger und gesetzestreuer als jene mit einem Bootsführerschein.“ So gebe es in der Gruppe der Gelegenheitskapitäne fast keine Verstöße gegen die Alkoholgrenzwerte. Trotz der inzwischen jährlich ausgegebenen rund 2000 Charterscheine herrsche in den Brandenburger Revieren kein Platzmangel. „In Deutschland kommt ein Boot auf 196 Personen.“

Auch Bootsverleiher haben fast nur gute Erfahrungen mit den Charterschein-Kapitänen. „Wir hatten in den zehn Jahren keinen einzigen Personenschaden“, teilte Harald Kuhnle von der gleichnamigen Charterfirma mit, die unter anderem an der Müritz und in Zeuthen am südöstlichen Berliner Stadtrand Hausboote verleiht. „Es gab nur Bagatellschäden.“ Die passierten vorrangig in Schleusen und in den Häfen. „Oft wird vergessen, das Sonnendeck vor Brücken einzufahren. Einmal wurde auch der Diesel- mit dem Wassertank verwechselt“, erinnerte sich Kuhnle. Wichtig sei eine ausführliche Einweisung, die aus Theorie und Praxis bestehen müsse.

Nach der erlebnisreichen ersten Tour wollen die meisten Hausbootmieter möglichst rasch wieder an Bord. Denn dort scheint alle Hektik der Großstadt vergessen oder zumindest ganz weit weg zu sein. Plötzlich spielen die vorher so sorgsam ausgearbeiteten Zeitpläne keine Rolle mehr. Wo es schön ist, wird noch eine Runde gedreht oder gleich für die Nacht geankert. Um alle Möglichkeiten des Wasserlandes Brandenburg auszukosten, entschließt sich deshalb so mancher Freizeitkapitän zum Besuch einer Bootsschule.

Der Mietpreis für ein Hausboot pro Woche erscheint mit 3000 Euro zunächst ziemlich hoch. Doch zu sechst ist er erträglich. Schließlich fallen keine zusätzlichen Ausgaben für Übernachtungen an. Und gegessen wird ohnehin in den schönsten Buchten oder mitten auf den Seen.

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