Der Tagesspiegel : Haushaltspolitik: Mehr Zukunft statt Prestige

Claus-Dieter Steyer

"Brandenburg hat nicht zu wenig Geld, es wird nur falsch verteilt." Auf diesen kurzen Nenner bringt der Präsident der Technischen Universität Cottbus, Professor Ernst Sigmund, seine Kritik an der Haushaltspolitik des Landes. Es werde zwar in Prestigeobjekte, nicht aber in Zukunftsprojekte investiert. Dabei könnten die Hochschulen viel mehr für die Region leisten. "Ich hoffe stark auf eine Kehrtwende bei den Landtagsabgeordneten", sagt Professor Sigmund. "Denn sonst verliert Brandenburg den Anschluss an vergleichbare Länder."

Neben den Wohnungsbauplänen in Wünsdorf, die wegen mangelnder Nachfrage ohnehin in eine finanzielle Schieflage gerutscht sind, findet der aus Baden-Württemberg stammende Wissenschaftler auch am Eurospeedway Lausitz und an den zahlreichen neuen Freizeitanlagen wenig Gefallen. "Die Prioritäten müssen anders gesetzt werden." Er macht seinen Ärger an konkreten Zahlen fest: Pro Einwohner gebe Brandenburg jährlich 140 bis 150 Mark für Hochschulen und Universitäten aus. Der Vergleich mit Berlin, wo die entsprechende Summe bei 900 Mark liege, sei sicher überzogen. "Aber wenn Mecklenburg-Vorpommern immerhin 370 Mark pro Einwohner schafft, dann fällt Brandenburgs Rückstand doch stark ins Gewicht", stellt Präsident Sigmund fest. "Wir sind Schlusslicht in ganz Deutschland."

Seine vor zehn Jahren gegründete und derzeit von 4700 Studenten besuchte Uni müsse im Jahr mit einem Etat von rund 95 Millionen Mark auskommen. "85 Millionen Mark davon verschlingen die Personalkosten", sagt der Professor. Die restlichen zehn Millionen Mark reichten für Forschung und Entwicklung nicht aus. Gebraucht würde mindestens die doppelte Summe.

An vorzeigbaren Projekten mangelt es an seiner Uni nicht. Neueste Erfindung ist ein Notstromaggregat, das nur ein Siebtel herkömmlicher Apparate wiegt und sich ideal für den Transport durch unwegsames Gelände eignet. Zusammen mit der Uni in Poznan (Posen), IBM und Microsoft laufen Multi-Media-Experimente. Im Herbst soll die neue Halle für das Leichtbau-Werkstoffzentrum fertig sein, und im Tagebau Jänschwalde wird das erste elektromagnetische Testzentrum für ICE-Züge gebaut. "Außerdem arbeiten wir am Internet-Empfang in Fernsehqualität und am interaktiven Fernsehen", verrät Ernst Sigmund. Bald werde es möglich sein, per Handy Filme für den Fernsehabend zu bestellen. Doch ob alles klappe, hänge vom Geld ab. Kooperationen mit der Industrie und eigene Einnahmen allein reichten nicht aus. "Wir hoffen, dass das Interesse an der Wissenschaft wieder steigt", sagt der Uni-Präsident.

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