Der Tagesspiegel : Hausschwamm im Gebälk

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Potsdam. Die wenigsten Bauten der preußischen Könige befinden sich in einem ordentlichen Zustand. Der große Rest wartet dringend auf Sanierung und Restaurierung. Jahrzehntelang wurden nur notdürftigste Reparaturen ausgeführt. Jetzt ist die Preußische Schlösserstiftung dabei, die Schäden Haus für Haus aufzunehmen, und dabei kommt Dramatisches ans Tageslicht, wie Baudirektor Alfons Schmidt erklärt. Er hat für das Wohl und Wehe von mehr als 300 Bauten zu sorgen und findet überall undichte Dächer, marode Dachstühle, gerissene Mauern, zerschlissene Skulpturen, veraltete Haustechnik. Man würde dem Publikum ja gern viel mehr zeigen, wenn mehr Räume instand gesetzt wären. Von etwa 300 Sälen im Neuen Palais beispielsweise könne dem Publikum nur etwa ein Zehntel gezeigt werden. Einige sind nicht zu betreten, weil Decken und Fußböden nicht stabil sind. Für Schmidt ist das von Friedrich dem Großen nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-1763) im Park Sanssouci erbaute Neue Palais ein besonderes Sorgenkind. Nicht nur dass berühmte Prunkräume dringend restauratorische Hilfe benötigten. Viel schlimmer sei, dass sich der „gemeine Hausschwamm“, der Feind des Holzes, überall breit gemacht hat. Der Pilz mit seinem zerstörerischen Myzel hat sich in dem aus dem 18. Jahrhundert stammenden, überaus kompliziert konstruierten Dachstuhl und in Zwischendecken eingenistet, dort, wo es feucht, stickig und dunkel ist. Auf dem Mauerwerk aufliegende Balkenköpfe sind angefressen und gefährden daher die Stabilität von Decken und Dach einschließlich der riesigen Kuppel mit den kupfernen Grazien obenauf. Nicht auszudenken, wenn die dicken Balken nachgeben, erklärt der Baudirektor und beziffert die Sanierungssumme für das Neue Palais auf 99,7 Millionen Euro. Insgesamt hat Schmidt für alle Bauten der Stiftung einen Finanzbedarf von 500 Millionen Euro ausgerechnet. Dem steht der tatsächliche Bauetat von nur 8,5 Millionen Euro pro Jahr gegenüber. „Das ist völlig unangemessen, aber wie es im Moment aussieht, sind Brandenburg und Berlin angesichts ihrer leeren Kassen nicht in der Lage, die Baumittel wesentlich zu erhöhen. Mit dem, was da ist, muss also sehr überlegt vorgegangen werden." Die Stiftung habe eine Prioritätenliste erarbeitet, auf der das Neue Palais obenauf steht. Statt im Gießkannensystem Mittel auf alle Häuser zu verteilen, wolle man gezielt, nach Bedürftigkeit und Bedeutung der betreffenden Objekte vorgehen, erläutert Schmidt. Daher müssten weniger wichtige Häuser „auf Eis“ gelegt werden und könnten erst nach 2015 mit der Sanierung rechnen. Bei herausragenden Objekten gelten kürzere Fristen. So sollen das Marmorpalais im Neuen Garten sowie Schloss und Marstall in Rheinsberg bis 2008 sowie das Babelsberger Schloss samt Park bis 2012 saniert sein.

Beim erst 85 Jahre alten Schloss Cecilienhof müsse schnell gehandelt werden. Das Dach ist durch ein falsches Holzschutzmittel geschädigt, Einsturz droht. In diesem und anderen Katastrophenfällen wolle sich die Stiftung um Sondermittel bemühen, weshalb unlängst auch Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin ins Neue Palais zur Ortsbesichtigung gebeten wurde. Helmut Caspar

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