Der Tagesspiegel : Havelfrüchte für China

Die Wollhandkrabbe gilt in Asien als Delikatesse – und ein Fischer liefert sie

Juliane Wedemeyer

Strodehne - Eine halbe Stunde prallen Sonnenscheins auf dem Flughafen Schanghai und schon waren sie hin. Krabben sind empfindlich, ihr Transport problematisch. Fischer Wolfgang Schröder aus Strodehne bei Rathenow kennt sich da aus. Er handelt seit Jahren mit Wollhandkrabben aus dem Havelland. Sechs große Ladungen der Krabben hat er schon in ihre ursprüngliche Heimat geschickt – China. Von dort waren die Tiere Anfang des 20. Jahrhunderts nach Norddeutschland eingeschleppt worden – vermutlich unbemerkt im Ballastwasser der Schiffe, erklärt Detlef Knuth, Biologe und Leiter des Naturkundemuseums in Potsdam. Nach und nach verbreiteten sich die Süßwasserkrabben in Deutschland, natürliche Feinde haben sie hier kaum, und Fischer Schröder holt sie inzwischen netzeweise aus Elbe und Havel.

Denn anders als viele Kollegen, die in den grauen Wesen nur Störenfriede sehen, die mit ihren riesigen Scheren Netze zerreißen und den Fischfang mit ihren acht spitzen Beinen zerstechen, hat Schröder ihren Marktwert entdeckt. Denn in Asien sind die fleischigen Krabben als Delikatessen sehr geschätzt – werden dort wegen der Verschmutzung der Flüsse aber auch immer seltener. In Schanghai bezahlten reiche Chinesen für sie mitunter schon 20 US-Dollar, sagt Schröder. Und auch Asiaten in Deutschland haben öfter Appetit auf die Krabben: Schröder verkauft seinen Fang heute in ganz Deutschland – bis nach Bonn und Frankfurt am Main, vorwiegend an Gastronomen. „Die Chinesen bevorzugen die großen Krabben, die Vietnamesen die kleinen“, hat er mittlerweile gelernt. Rund 20 Tonnen gehen jährlich über die Theke seines Fischereiladens auf dem eigenen Hof, schätzt Schröder. Die Kunden hierzulande zahlen ihm rund einen Euro pro Krabbe. Die Händler aus der Volksrepublik dagegen wurden nach dem Krabbensterben auf dem chinesischen Flughafen allerdings erst einmal vorsichtig mit dem Import von der Havel. „Zu viele Verluste“, meint Schröder.

Doch vielleicht eröffnet sich ihm ja bald ein neuer Vertriebskanal: Im September haben sich japanische Delikatessenhändler bei ihm umgesehen. Diese planten nun, so erzählt Schröder, in Strohdehne einen Krabben-Großhandel aufzuziehen. In Kisten mit Wasserwannen sollen die Tiere erst auf Lastwagen und später in Berlin ins Flugzeug geladen werden. „Aber ich packe ihnen die Krabben hier auf dem Hof nur ein – um den Transport müssen die sich selbst kümmern“, stellt Schröder gleich klar. Aufmerksam geworden auf das Krabbenvorkommen in der Havel sind die Japaner durch die Ausstellung „In der Spur des Menschen – Biologische Invasionen in aller Welt“, die gegenwärtig im Naturkundemuseum Potsdam zu sehen ist. Eines Tages sei dort ein japanischer Journalist vorbeigekommen, erzählt Museumsdirektor Knuth, der die Krabben für die Ausstellung ebenfalls bei einem brandenburgischen Fischer gekauft hat. Der Japaner habe sich vor allem für die Wollhandkrabben interessiert und die Potsdamer Schau später in einer japanischen Zeitung vorgestellt. Wenig später klopften die Investoren aus Japan an Schröders Hoftor. Denn auch von Tokio bis Osaka verspeist man die dort seltenen Tiere ausgesprochen gern. Wie übrigens inzwischen auch Wolfgang Schröder selbst – zubereitet nach dem Rezept eines chinesischen Kunden: mit Ingwer in Öl gesotten, bis sie rot sind.

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