Der Tagesspiegel : Heiligengrabe: Klosterfrau mit Äbtissinnengeist

Stefan Jacobs

Besonders gemütlich ist es nicht am neuen Lebensmittelpunkt von Friederike Rupprecht. Der Morgennebel hängt schwer zwischen angewitterten Mauern und hohen Linden, deren Blätter mit nasskaltem Geräusch aufs Pflaster fallen. Aber Friederike Rupprecht hat es so gewollt. Und bald wird ihr gewissermaßen auch der Rückweg abgeschnitten sein.

An diesem Sonntag wird die promovierte Theologin feierlich ins Amt der Äbtissin des evangelischen Klosterstiftes zu Heiligengrabe eingeführt. Manfred Stolpe wird kommen, Kirchenobere werden Grußworte sprechen, es wird einen Gottesdienst mit den beiden verbliebenen Stiftsfrauen geben. Rupprecht wird gefragt werden, ob sie ihr Amt verantwortungsvoll führen wolle, was sie bejahen wird. "Das ist mir auch wichtig, weil es dadurch verbindlicher wird", sagt die 60-Jährige, die zehn Jahre lang Pfarrerin in Karlsruhe war, bis sie zu Jahresbeginn in den Vorruhestand ging. Nur ist es kein Rentnerjob, der sie in dem über 700 Jahre alten Zisterzienserinnenkloster erwartet. Von einer inzwischen betagten Stiftsschülerin hatte sie erfahren, dass Heiligengrabe seit sechs Jahren führungslos ist. 1998 war sie zum ersten Mal hier. Nun wird sie aus ihrer Dienstwohnung im Schwarzwald in eine Haushälfte am Rande des Kloster-Ensembles ziehen und versuchen, die Fäden in die Hand zu bekommen. Noch weiß sie nicht genau, welches Gemäuer wie morsch ist, wie weit die Gelder zur Sanierung reichen werden und wie ihre "Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft" aussehen wird.

"Ich habe dem Kuratorium vor meiner Wahl gesagt, dass ich weder Expertin für Finanzen noch für Bausanierung bin." Sie wurde trotzdem gewählt, zumal sie als Äbtissin vor allem das geistliche Leben im Auge haben soll - und will. Ihr schwebt eine "spirituelle Struktur des Jahres" vor. Mit Besinnungsphasen für Gäste in der Oster- und Adventszeit: Gebete, Spaziergänge, Gespräche. Entspannung. Rupprecht hat für Ostern schon ein paar Zimmer beim Pächter der Herberge auf dem Stiftsgelände reserviert. Dafür bekommt sie einen Zuschuss von der Kirche; ansonsten arbeitet sie ehrenamtlich. "Ich werde jetzt Ossi", sagt sie und lacht. Sie lacht selten. Vielleicht helfe ihre Arbeit gegen das Vorurteil, Wessis würden nur hoch bezahlte Jobs annehmen, sagt sie nachdenklich. Ihre drei Söhne waren zuerst skeptisch, als sie von den Plänen ihrer verwitweten Mutter hörten. Die sagt: "Ich sehe das hier als Lebensaufgabe." Sie will die beliebten Sommerkonzerte in der Kirche fortführen, neue Stiftsschwestern gewinnen, Gespräche mit Christen und Juden organisieren. Die Einsamkeit fürchtet sie nicht. Obwohl sie es schön fände, wenn über dem Nebel jetzt der vertraute Schwarzwald auftauchen würde.

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