Der Tagesspiegel : Heilung einer geschundenen Landschaft

Seit gestern gehören 500 Hektar einstiger Tagebaufläche dem Naturschutzbund. Der hat einiges damit vor

Claus-Dieter Steyer

Meuro. Die mehr als 100 Jahre lang geschundene Lausitzer Bergbaulandschaft erwacht zu neuem Leben. Gestern wurden 500 Hektar durchwühlter Tagebaufläche in der Umgebung der südbrandenburgischen Kreisstadt Senftenberg der Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg übergeben. Der Naturschutzbund (Nabu) forstet die Areale auf, übergibt sie Schäfern zur Beweidung oder lässt sie sich ungestört von Menschenhand entwickeln. Da die Flächen bis an den Rand der durch die Flutung der Tagebaurestlöcher entstehenden Seenkette heranreichen, sollen sie besonders attraktiv für Touristen gestaltet werden.

Mond- oder Marslandschaft, Grand Canyon, Wüste, Riesenlöcher – der Phantasie sind bei der Beschreibung für die geschundene Natur in den Braunkohlengebieten keine Grenzen gesetzt. Doch wer am Boden eines ausgekohlten Tagebaus steht oder vom Rand in eine endlos scheinende Grube blickt, stellt vor allem eins fest: Alles scheint tot, öde, hoffnungslos. 42 000 Hektar Erde wurden seit 1900 in Brandenburg mehrfach umgepflügt, um an die vor 17 Millionen Jahren in 60 Metern Tiefe entstandene Kohle zu kommen. Der größte Teil der Tagebaue wurde nach der Wende geschlossen und liegt nun brach.

Doch es gibt längst Pläne für die Zukunft des Reviers: 56 Prozent der rekultivierten Flächen erhalten die Land- und Forstwirtschaft, vier Prozent sollen Gewerbegebiete werden, 20 Prozent verwandeln sich in Seen und die restlichen 20 Prozent gehen in die Verantwortung von Naturschützern. Derzeit stehen bereits 3000 Hektar unter Schutz. „Natürlich können wir den ursprünglichen Zustand der Landschaft nicht wieder herstellen“, sagt Mahmut Kuyumcu, Geschäftsführer der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). „Viel zu viel ging verloren. Dörfer, Wälder und Felder verschwanden.“ Doch jetzt bestünde die Chance, dass wieder eine lebenswerte Heimat entstehe. Die Gegend werde sich allein schon durch die fast durchgängig schiffbare neue Seenkette verändern. „Wenn wir in 10 oder 20 Jahren alle Tagebaue in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen geflutet haben, nimmt die gesamte Wasserfläche in der Bundesrepublik um ein Viertel zu“, rechnet der Geschäftsführer. „Wir stellen damit sogar die Mecklenburgische Seenplatte in den Schatten.“

Ganz kostenlos wurden die 500 Hektar an den Naturschutzfonds nicht übertragen. Aber die Quadratmeterpreise für solche toten Landschaften bewegen sich bei höchstens sieben bis acht Cent. „Wir finanzieren uns fast ausschließlich durch Ausgleichsabgaben für Eingriffe in die Natur“, sagte Staatssekretär Friedhelm Schmitz-Jersch, Vorsitzender des Stiftungsrates des Naturschutzfonds. Wenn Straßen, Windkraftanlagen, Gewerbegebiete oder Deiche errichtet würden, seien die Bauherren zum Ersatz für die zerstörte Natur verpflichtet. Das geschehe hauptsächlich durch einen finanziellen Ausgleich – und dieses Geld erhalte der Naturschutzfonds.

So war es auch bei den gestern übergebenen Flächen. Denn beim Bau des im August 2000 ganz in der Nähe eröffneten Lausitzringes fielen Ausgleichsabgaben in Höhe von rund einer Million Euro an. Das Geld stand jetzt für den Ankauf der Flächen für den Naturschutz zur Verfügung.

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