Der Tagesspiegel : Heiße Luft unterm Hammer

Bei der Versteigerung des Cargolifter-Inventars zeigt sich: Wirklich benutzt wurden all die teuren Geräte nie

Claus-Dieter Steyer

Brand. Als sich die Interessenten für das verbliebene Inventar der Cargolifter AG am Mittwoch in der riesigen Halle bei Brand umsahen, stellten sie Erstaunliches fest: Fast alle der zur Versteigerung angebotenen Gegenstände des insolventen Luftschiffentwicklers waren unbenutzt – und teilweise noch originalverpackt. Niemand hatte offensichtlich in der vor drei Jahren eröffneten Werfthalle je ein Druckluft-Atemschutzgerät, eine mechanische Abkantbank oder ein Gebläsefiltergerät verwendet. Auch an den vielen Personalcomputern hat offenbar noch nie ein Mensch gesessen. Und die zur Versteigerung am Sonnabend ausgestellten 500 Büro-Schreibtische mit Drehstühlen, Rollcontainern, Designerleuchten und Elektroanschlüssen sind ebenfalls zum größten Teil nagelneu. Nun sind sie für ein Mindestgebot von knapp 500 Euro zu haben.

„Die Cargolifter AG war einfach ein potemkinsches Dorf“, sagte der Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning. „Auf dem Gelände waren zwar 600 Menschen physisch anwesend, aber wirklich geforscht und entwickelt hat nur eine kleine Kernmannschaft. Ich kann mir nicht erklären, was die anderen Angestellten den ganzen Tag gemacht haben.“

Mönning warf der alten Unternehmensspitze vor, die öffentlichen Geldgeber und 70000 Aktionäre mit einer „phantastischen PR-Arbeit“ getäuscht zu haben. „Sie hat eine funktionierende Produktionsstätte für riesige Luftschiffe vorgegaukelt, um immer neues Geld einzuwerben.“ Deshalb prüfe er mit der Staatsanwaltschaft nun die Notwendigkeit, Schadenersatzansprüche geltend zu machen. Es sei zu klären, ob die Cargolifter AG wie versprochen tatsächlich Luftschiffe – oder nur die Idee davon – verkaufen wollte.

Einen geringen Teil der Schuldenlast in Höhe von 120 Millionen Euro soll nun der Erlös aus der Versteigerung ausgleichen. Rund 8000 Gegenstände mit einem Gesamtmindestgebot von 1,9 Millionen Euro kommen an drei Tagen unter den Hammer. „Ich bin froh, wenn wir wenigstens diese Summe erreichen“, meinte Mönning. Gestern kamen rund 300 Gäste der Versteigerung aus ganz Deutschland und dem Ausland. Und kauften rege. Während sich Baubetriebe aus der Region vor allem für 30 Euro teure Akku-Bohrmaschinen oder Bohrhammer interessierten, orderten Großhändler massenweise Container und Aktenschränke für 150 bis 200 Euro.

Keinen Abnehmer fand dagegen der 268 Meter lange Schneidetisch für die Ballonhülle. Er hatte Cargolifter in der Anschaffung rund 2,5 Millionen Euro gekostet – und wurde nun für 250000 Euro angeboten. Doch „so ein riesiges Gerät braucht niemand auf der Welt“, erklärte Wolfgang Schneider, der Cargolifter nach der Pleite im Juni 2000 für sieben Monate leitete. „Schon daran zeigt sich der Dilettantismus der alten Spitze: Sie hat so ein großes Gerät angeschafft, obwohl ihre Technologie längst nicht soweit war, es gebrauchen zu können.“

Ursprünglich sollten jetzt auch die Patente und Lizenzen des Luftschiffentwicklers versteigert werden. Doch die Sichtung der laut Mönning in einem Container wild durcheinander liegenden Unterlagen dauert noch an.

Zuversichtlich sieht der Insolvenzverwalter immerhin dem Projekt einer Tropenlandschaft in der acht Fußballfelder großen Halle entgegen: Die malaysisch-britischen Investoren hätten bisher alle Forderungen vorfristig erfüllt. Anfang nächsten Jahres beginne der Aufbau des Regenwaldes und des 1000-Zimmer-Hotels.

Bis dahin müssen alle Einbauten und Gegenstände von Cargolifter aus der Halle verschwinden. Die Auktionen beginnen am heutigen Donnerstag und am Sonnabend jeweils um 10.30 Uhr. Das Angebot kann im Internet unter www.christoph-sattler.de eingesehen werden. Besonderes Liebhaberstück heute: das Versuchsluftschiff „Joey“. Es kommt ohne Mindestgebot unter den Hammer. Zur Not für einen Euro.

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