Helmut Kohl : Kein Zorn auf Thierse und keine Rache

Alt-Kanzler Helmut Kohl hat in Berlin seinen dritten Memoiren-Band vorgestellt. Bei dieser Gelegenheit ging er auch auf die umstrittenen Äußerungen von Wolfgang Thierse ein.

Gerd Reuter[dpa]
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Helmut Kohl bei der Vorstellung seines neuen Buches. -Foto: ddp

BerlinBei der Umschreibung "altersmilde" würde Helmut Kohl wahrscheinlich aufbegehren. Auf einen groben Klotz hat bei ihm schon immer auch ein grober Keil gehört. Das feine Florett war in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner nur selten seine Waffe. Charakterliche Größe demonstriert der ehemalige Bundeskanzler nun, als er die Anwürfe von Bundestagvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) kommentiert: "Herr Thierse hat sich mit einem Schreiben von heute früh, das Ihnen, glaube ich, auch vorliegt in der Zwischenzeit, bei mir in aller Form entschuldigt. Und ich nehme diese Entschuldigung an. Und zum Vorgang selbst will ich sonst nichts sagen."

Der SPD-Politiker hatte sich vergaloppiert, als er in einem Interview nach dem Rücktritt von Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) wegen der schweren Krankheit seiner Frau Bezug auf Kohl nahm. "Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzen zu lassen, wie es Helmut Kohl gemacht hat, ist kein Ideal." Kohls Ehefrau Hannelore hatte als Konsequenz aus einer unheilbaren Krankheit im Juli 2001 den Freitod gewählt. Bis auf eine winzige Ausnahme hält sich Kohl an sein Versprechen, die Thierse-Worte als erledigt zu betrachten. Nicht einmal das Recht auf Zorn nimmt er in Anspruch. Es gibt an diesem Freitag ein für ihn wichtigeres Ereignis.

Kohl hat noch nicht fertig

In einem Berliner Hotel stellt der 77-Jährige den dritten Band seiner Memoiren vor: "Erinnerungen 1990 - 1994". Schwerfällig und mit einer Krücke bewegt sich Kohl auf ein Podium. Personenschützer stützen ihn zu beiden Seiten. Der Alt-Kanzler hatte sich im Frühjahr einer schweren Knieoperation unterziehen müssen, bei der ihm ein künstliches Gelenk eingesetzt wurde. In der kommenden Woche wartet der zweite chirurgische Eingriff am rechten und schlimmer lädierten Knie auf ihn. Seine Augen blitzen fast so wie auf dem überlebensgroßen Porträt hinter ihm. Dieser Mann hat noch lange nicht fertig.

Er kann und konnte sich beherrschen in den vielen politischen Schlachten, die er 40 Jahre lang geführt hat. 16 Jahre davon war er Bundeskanzler, die CDU führte er 25 Jahre als Vorsitzender, 7 Jahre war er Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, von wo aus SPD-Chef Kurt Beck nach höherem Ruhm strebt. Kohl war ein Mannsbild, an dem Kritik, Beleidigungen und Scherze über die Körperfülle abperlten. Und er war ein großer Austeiler: Im September 2002 war er den damaligen Bundestagspräsidenten Thierse schwer angegangen. "Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring". Der war während der Nazi-Zeit Reichstagspräsident.

Zwei "Spiegel"-Journalisten hatten die Bemerkung Kohls, der im Bundestagsrestaurant zufällig an einem Nebentisch saß, gehört. Der Ex-Kanzler hat sich nie präzise dazu geäußert, ob er diese Bemerkung so formuliert hat. Vielleicht ist ihm das Akzeptieren der Entschuldigung in Erinnerung an diesen Fall leichter gefallen.

Sympathie für Willy Brandt

Der Fall der Mauer, die Einheit Deutschlands, die Europäische Währungsunion und sein Verhältnis zu dem damaligen US-Präsidenten George Bush sowie dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow bilden den Schwerpunkt in Kohls jüngstem Werk. Erstmals in dieser Ausführlichkeit und mit erkennbarer Sympathie beschreibt Kohl seine Beziehung zu dem SPD-Patriarchen Willy Brandt. Es sei der Wunsch Brandts gewesen, dass das Kanzleramt nach seinem Tod den Staatsakt ausrichte und auch sein Ableben verkünde.

"Mein größer Dank geht wieder an Hannelore, die mir als eines ihrer Vermächtnisse hinterließ, meine Memoiren unbedingt zu schreiben und zu vollenden" - so Kohl in seinem Vorwort zum dritten Band. Erstmals in aller Offenheit äußert sich der Ex-Kanzler darin zur Krankheit seiner Frau und ihrem Tod. Ein vierter Teil - wahrscheinlich bis zur Wahlniederlage und dem Machtwechsel 1998 - wird folgen.