Hermann Parzinger : Wie man die Zukunft angräbt

Hermann Parzinger, der künftige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, über das Humboldtforum, die Museumsinsel und die Repräsentation zeitgenössischer Kunst in Berlin.

Parzinger
Preußischer Archäologe: Hermann ParzingerFoto: dpa

Herr Parzinger, wir gratulieren Ihnen zur Wahl zum künftigen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Oder muss man Sie bemitleiden, weil Sie von der Grabung auf dem freien Feld nun hinter einen mit Schreibtisch wechseln?

Viele Kollegen aus der Archäologie sind jetzt ein bisschen traurig, ich selber natürlich auch. Ich arbeite seit 18 Jahren in leitender Funktion am Deutschen Archäologischen Institut, bis zu meinem Ausscheiden Ende Februar 2008 werde ich fünf Jahre Präsident gewesen sein. Das ist eine Zeit, die für mich prägend war. Klar, die eigene Forschungstätigkeit wird zunächst zurückgestellt werden müssen, denn die Aufgaben, die das neue Amt bringt, stehen im Vordergrund. Den Freiraum, der sich darüber hinaus noch für die Forschung gewinnen lässt, werde ich jedoch nutzen. Alles wird davon abhängen, mit dem dann größeren Stab an Mitarbeitern in der Stiftung ein optimal arbeitendes, effektives Team zu bilden.

Sie sind ein sehr erfolgreicher Ausgräber. Zuletzt haben Sie Ruhestätten skythischer Könige und Krieger entdeckt. Gibt es da draußen noch etwas, für das Sie alles liegen und stehen lassen würden?

Nachdem wir in der Skythenforschung viel erreicht haben, hätte ich jetzt ohnehin vor der Frage gestanden, wo ist die nächste Forschungslücke? Wir haben durchaus Überlegungen: In Kasachstan gibt es neben der Hauptstadt Almaty gigantische Grabhügel der Saken, ein mit den Skythen verwandtes Reiternomadenvolk. Die kasachische Regierung möchte uns gerne in einem Joint Venture sehen, das in ein Freilichtmuseum münden soll. Das könnte auf deutscher Seite ein attraktives Kooperationsprojekt zwischen dem DAI und den Staatlichen Museen sein. Aber das ist Zukunftsmusik.

Was bedeutet es, wenn jetzt ein Archäologe die Stiftung leitet?

Das ist auch eine Anerkennung der Rolle, die die Archäologie inzwischen spielt. Das DAI ist mit seinen weltweiten Forschungsprojekten ein wichtiger global player in der auswärtigen Kulturpolitik geworden, aus der auch die Stiftung nicht wegzudenken ist. Die Archäologie ist eine moderne Wissenschaft, die Fragen verfolgt, die zwar mit der Vergangenheit zusammenhängen, uns heute aber genauso bewegen. Es geht darum, Mechanismen zu begreifen, die den Menschen in bestimmten Situationen dazu gebracht haben, Entwicklungssprünge zu vollziehen. Der Vergleich zwischen völlig unterschiedlich strukturierten Kulturen, auch in der Gegenüberstellung des europäischen und des außereuropäischen Raumes, ist hierbei unglaublich ergiebig.

Werden Sie den Weg bereiten von der Repräsentation des „schönen“ Kunstwerks zur ganzheitlichen Darstellung menschlicher Kulturleistungen?

Jede Periode stellt ihre speziellen Aufgaben. In den neunziger Jahren ging es für die Stiftung um das Zusammenführen der bis dahin getrennten Berliner Einrichtungen, das bleibende Verdienst des damaligen Präsidenten Knopp. Lehmann hat dessen Werk weitergeführt, große Erfolge bei der Planung wichtiger Baumaßnahmen erzielt und die Stiftung mit Visionen für das 21. Jahrhundert ausgestattet, man denke nur an das Humboldt-Forum. Mich als Wissenschaftler reizt es natürlich, das enorme Forschungspotenzial in den Museen und anderen Einrichtungen der Stiftung stärker sichtbar zu machen. Wir sind an einer hoch spannenden Schnittstelle zwischen Kunst und Kultur auf der einen und Wissenschaft und Forschung auf der anderen Seite, und von hier aus müssen wir auch die Brücke in die Öffentlichkeit schlagen.

Was Humboldt-Forum und auch den Chipperfield-Entwurf für die Museumsinsel anbelangt, müssen noch in diesem Jahr Entscheidungen fallen. Werden Sie vor vollendete Tatsachen gestellt?

Ich werde in die jetzt anstehenden Diskussionen und Entscheidungsprozesse voll einbezogen.

Und wie gefällt Ihnen der Chipperfield- Entwurf?

Den endgültigen Plan wird die Stiftung erst noch vorstellen. Ich bin sicher, dass das Eingangsgebäude sich harmonisch in das Ensemble auf der Museumsinsel einfügen wird. In die Entscheidungsfindung müssen auch Icomos und Unesco einbezogen werden, schließlich genießt die Museumsinsel den Rang des Weltkulturerbes.

Wie soll das Humboldt-Forum eines Tages aussehen?

Die Idee, das Stadtschloss mit seiner historischen Fassade wieder aufzubauen, innen aber völlig neu zu gestalten, hat mich immer fasziniert und überzeugt. Der Inhalt soll ja eine ganz andere Seite Preußens zum Ausdruck bringen, den Aufbruch in Gelehrsamkeit und die Förderung von Wissenschaft und Forschung. Dies mit den Brüdern Humboldt zu verbinden, ist ein vorzüglicher Gedanke.

Sollen dort neben den außereuropäischen Museen aus Dahlem auch die Sammlungen der Humboldt-Uni präsentiert werden? Und was ist mit der Landesbibliothek?

Soweit ich die bisherige Diskussion verfolge, besteht Einigkeit, dort die außereuropäischen Kulturen zu präsentieren. Die von Ihnen genannten Einrichtungen sollen im Humboldt-Forum vertreten sein, doch die Ausarbeitung von Einzelheiten eines Nutzungskonzepts ist erst noch zu leisten.

Der Umzug soll die in Dahlem beheimateten Außereuropäischen Sammlungen aus ihrem Dornröschenschlaf wecken.

Ich habe nie verstanden, warum die Museen in Dahlem mit ihren sehr gut präsentierten Sammlungen nicht so gut besucht sind. Bei einer Neuaufstellung von Sammlungsobjekten, insbesondere archäologischen, halte ich übrigens eine stärkere Kontextualisierung der Stücke für unbedingt wichtig, wir müssen dem Besucher in den Museen Geschichte erzählen und Botschaften vermitteln.

Was stellen Sie sich für das Kulturforum in Tiergarten vor, wenn die Gemäldegalerie auf die Museumsinsel umgezogen ist?

Das Kulturforum ist in der Tat ein Problem, es liegt so zentral und trotzdem im Windschatten der Hochhäuser am Potsdamer Platz. Neben Humboldt-Forum und Museumsinsel ist eine stärkere Belebung des Kulturforums eine weitere große Aufgabe, die auf uns wartet.

Dem Museum für Gegenwart im Hamburger Bahnhof wird vorgeworfen, die zeitgenössische Kunst nicht angemessen zu präsentieren. Was tun?

Der Hamburger Bahnhof ist ein bedeutendes Museum für zeitgenössische Kunst, das wichtig für Berlin ist. Ich hoffe sehr, dass die Sammlung Marx bleibt. Ich fände es großartig, wenn das Land Berlin den Plan einer Kunsthalle für zeitgenössische Kunst realisieren könnte, idealerweise in der Nähe des Hamburger Bahnhofs, wo ja auch immer mehr Galerien entstehen.

Wird die ewige Baustelle Berliner Museumslandschaft in Ihrer Amtszeit fertig?

Mir hat kürzlich jemand gesagt: Setzen Sie sich doch dafür ein, dass alles 2015 fertig ist, 25 Jahre nach der Wiedervereinigung. Das wäre genial, aber ob es zum 25-jährigen oder zum 35-jährigen Jubiläum sein wird, wer will das jetzt schon sagen. Entscheidend ist auch die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Wenn der positive Trend anhält und Kultur und Wissenschaft entsprechende Förderung erhalten, dann darf man optimistischer sein.

Das Gespräch führte Amory Burchard.