Der Tagesspiegel : Hermann zum Sammeln

Wie die Varus-Schlacht am Ort vermarktet wird

Inga Radel[dpa D]
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Streitbar. Die Gartenfigur „Zwermann“ begrüßt das Gedenkjahr. Foto: dpa

Wer will, der kriegt das Varus-Jahr gleich aufs Brot geschmiert. Wahlweise als Erdbeeraufstrich, martialisch „Römerblut“ genannt, oder als „Varus-Leberwurst“. In den Souvenirshops rund um den möglichen Schauplatz der Schlacht im Teutoburger Wald im Jahr 9 nach Christus gibt es praktisch nichts, was es nicht gibt. Von originell wie die rot-schwarzen „CheRusker“-T-Shirts mit dem Konterfei des Hermann – abgekupfert bei Che Guevara – bis plump wie den „Zwermann“: Hermann als knallbunten Plastikgartenzwerg. Der neueste Clou: Graburnen, verziert mit der haltbaren Bleistiftzeichnung des Hermannsdenkmals.

„Die Hermann-Urnen sind biologisch abbaubar, sie bestehen aus gepresster Baumrinde mit Mais. Und sie sind nicht teurer als andere Urnen auch“, bewirbt Marion Drabek, Chefin des Detmolder Bestattungsunternehmen „Trauerhilfe Drabek“, ihr jüngstes Produkt.

Inspiriert worden sei sie natürlich durch das Varus-Jahr, in dem sich der Sieg des Cheruskerfürsten Arminius über die von Varus angeführten römischen Besatzer nun zum 2000. Mal jährt. „Und die Nachfrage ist groß.“ Obwohl erst wenige Wochen im Sortiment, sei die Urne schon drei Mal über den Ladentisch und inzwischen auch unter die Erde gegangen.

„Die Urnen sind etwas zu viel des Guten“, meint Wilfried Mellies. „Überhaupt sind die Souvenirs von heute scheußlicher Kitsch“, sagt der emsige Sammler historischer Varusschlacht- und Hermannsdenkmal-Devotionalien. Sein Haus im Detmolder Stadtteil Hiddesen am Fuße der Grotenburg ist bis unters Dach voll mit gravierten Gläsern, Tassen, Grafiken, Löffeln, Broschen und natürlich Hermannfiguren in allen Größen und aus allen Materialien. Rund 4000 Stücke – einige davon so alt wie das 1875 fertiggestellte Denkmal selbst – sind das Ergebnis von 35 Jahren Sammelleidenschaft.

Angefangen habe alles auf Flohmärkten. „Da hab’ ich das erste Souvenir entdeckt, und irgendwann wurde aus dem Schneeball eine Lawine“, sagt der 63-Jährige. Inzwischen sucht der frühpensionierte Banker die Objekte seiner Begierde vor allem bei Internetauktionen.

Eine, die sein Hobby geduldig erträgt, ist Ehefrau Brigitte. „Irgendwer muss die vielen Sachen ja abstauben“, sagt sie verständnisvoll lächelnd.

Dass den Ortsvorsteher von Hiddesen ausgerechnet der Hermannmythos so fasziniert, liegt bei Mellies’ Familiengeschichte auf der Hand. „Einer meiner Vorfahren war als Steinmetz beim Bau des Denkmals dabei, und mein Vater war 20 Jahre lang Betriebsleiter am Denkmal.“ Dabei weiß Mellies um die schwierige Geschichte des kriegerischen Monumentes. Im Kaiserreich wurde es mit klar antifranzösischer Note eingeweiht, und sowohl nach dem Ersten Weltkrieg als auch unter der Naziherrschaft diente es als Symbol vorgeblicher deutscher Befreiung. In Mellies’ zusätzlich rund 4000 Stücke zählender Postkartensammlung zu dem heiklen Thema spart er diese dunkle Zeit aber bewusst nicht aus: „Das wäre schlimm. Man darf diesen Teil nicht einfach ausradieren.“ Auf einer NS-Propaganda-Ansichtskarte heißt es zum Beispiel: „Wo einst der Führer der Germanen Deutsches Land vom Feind befreit, wehen Hitlers Siegesfahnen machtvoll in die Neue Zeit.“

Dass Denkmal und Mythos noch heute von Rechtsradikalen vereinnahmt werden, stellt die Organisatoren des Varus-Jahres in Detmold vor eine Prüfung. „Wir stehen ständig im Kontakt mit dem Staatsschutz und haben auch eine Krisen-PR entwickelt, falls es hier zu Aufmärschen kommt“, sagt Klaus Schafmeister vom Hermannbüro, der Koordinierungsstelle aller Aktivitäten. „Zum Beispiel warb eine rechte Jugendorganisation auf ihren Flugblättern mit dem Hermannsdenkmal. Wir distanzieren uns auch klar von Souvenirshirts mit einem Siegerkranz drauf.“ Ganz bewusst spreche und schreibe man nirgendwo von einer „Feier“ oder einem „Jubiläum“. Denn: „Eine Schlacht mit mindestens 20 000 Toten kann man nicht feiern. Wir haben einen Jahrestag, den wir aufgreifen.“ Inga Radel, dpa

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