Herr Wichmann : Parteiprogramm mit Spritzgebäck

Herr Wichmann von der CDU, Titelfigur in Andreas Dresens erfolgreichem Dokumentarfilm, ist wieder in den Wahlkampf gezogen. Nur noch wenig erinnert an den jungen Jura-Studenten von 2002 - in der Kommunalpolitik wirkt Herr Wichmann, als sei er angekommen.

Marion Hoppen

„Mein Name ist Henryk Wichmann, ich bin der Fraktionschef …“ – weiter kommt der schlaksige junge Mann am CDU-Wahlstand auf dem Templiner Marktplatz nicht. „Ich kenne Sie schon“, unterbricht ihn die angesprochene ältere Dame. Lächelnd nimmt sie das Spritzgebäck mit CDU-Logo aus Schokoguss, das ihr Wichmann entgegenstreckt – samt einem Parteiprogramm-Zettel zu den Kommunalwahlen.

Der 31-jährige Henryk Wichmann wird hier oft erkannt. Schließlich sitzt er seit zehn Jahren im Uckermärkischen Kreistag, seit einem Jahr sogar als CDU-Fraktionschef. Am 28. September will er wieder in den Kreistag einziehen, „mit der CDU-Fraktion als stärkster Partei“.

Wichmann wurde weniger durch seine Arbeit im Kreistag als durch seine Kandidatur für den Bundestag 2002 berühmt – und weit über die Uckermark hinaus. Kinobesucher konnten ihm in Andreas Dresens Dokumentation „Herr Wichmann von der CDU“ über die Schulter sehen. Dresen inszenierte den Wahlkampf des jungen Brandenburgers als Realsatire – ein schonungsloser Blick hinter die Kulissen des Politikgeschäftes. „Ich bin Ihr Bundestagskandidat und will frischen Wind in die Politik bringen.“ Gebetsmühlenhaft wiederholte Wichmann immergleiche Sätze, sobald sich ein Passant in die Nähe des Wahlstands verirrte. Das geschah nicht oft: Meist kämpfte der Kandidat gegen den Wind auf dem fast menschenleeren Brandenburger Marktplatz, der ihm die Parteizettel vom Tisch wehte. Adrett sah er aus, der damals 25-jährige Jurastudent, mit frisch gebügeltem Hemd, dunkler Krawatte, Brille und gescheiteltem Haar. Wie manche Mutter sich ihren Schwiegersohn vorstellt. Doch als Bundestagsabgeordneten konnten sich die meisten Uckermärker Henryk Wichmann nicht vorstellen: Nur 21,4 % entschieden sich für ihn, 49,3 % votierten für SPD-Mann Markus Meckel.

Sein jungenhaftes Gesicht hat sich Wichmann bewahrt, ansonsten hat sich einiges verändert: Nach dem Jurastudium zog er vom Berliner Szenebezirk Friedrichshain nach Lychen, hat sich ein Haus gemietet, wohnt dort mit den Töchtern Rosaline und Cosima, zwei und fünf Jahre alt, und der schwangeren Ehefrau Ricarda. In Lychen wuchs Wichmann auf, nun ist er dort CDU-Vorsitzender.

Er arbeitet als Referendar im Amtsgericht Prenzlau. Das habe sich so angeboten, sagt er, schließlich seien es von dort nur 100 Meter zum Sitz der Uckermärkischen Kreisverwaltung. Als CDU-Fraktionschef im Kreistag sitzt er dort nach dem regulären Arbeitstag oft noch bis spät. Reich wird er damit nicht: 189 Euro hat er im Monat als einfacher Abgeordneter im Kreistag erhalten, als Fraktionschef bekommt er das Doppelte.

Trotzdem ist Wichmann erneut in den Wahlkampf gezogen. Auf Marktplätzen, bei Lesungen und öffentlichen Parteiveranstaltungen referiert er, welche Ideen er für den Kreis hat. Kleinere Schulen sollten genehmigt werden, um die Abwanderung der jungen Leute zu stoppen. Investitionen in alternative Energien müssten verstärkt werden, vor allem in die Solarenergie. Den Atomkurs seiner Partei trägt er nicht mit.

Wenn er sich warmredet, merkt man: Er meint, was er sagt. Überhaupt erinnert wenig an den Herrn Wichmann vom Bundestagswahlkampf. Auf Schimpftiraden gegen die Grünen und andere „Krötenschützer“, die er 2002 noch für die märkische Wirtschaftsmisere verantwortlich gemacht hat, wartet man diesmal vergebens. Ein Vorteil sei es schon, dass er sich nicht mehr ständig vorstellen müsse, sagt Wichmann: Diese Zeit bleibe ihm nun, um über Inhalte zu sprechen.

Will er noch einmal für den Bundestag kandidieren? Wichmann zögert, schließlich sagt er, Lobbyismus und Parteienzwang hätten ihm die Bundespolitik vergrätzt. Zudem hätten viele Berufspolitiker wegen des 16-Stunden-Arbeitstages kein Privatleben mehr. Auch ihre Politik verliere so den Bezug zur Realität. Dagegen habe er den Eindruck, sagt Wichmann, dass er in der Kommunalpolitik mehr für die Menschen erreichen könne.

Er fängt an zu plaudern: Dass sich die Parteien mehr den Menschen öffnen müssten. Im Bundestagswahlkampf habe er versucht, ihnen das CDU-Programm aufzuschwatzen. Das sei ein Fehler gewesen: Man müsse den Menschen erst zuhören, um das Parteiprogramm an ihren Bedürfnissen ausrichten zu können.

Mag „Herr Wichmann von der CDU“ den Eindruck erweckt haben, der Bundestag sei eine Spur zu groß für den jungen Uckermärker – in der Kommunalpolitik wirkt er, als sei er angekommen. Obwohl, so würde er selbst es nicht bezeichnen. „Ich komme eigentlich nie an“, sagt er.

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