Herta Müller in der Kapelle der Versöhnung : Bitte nur keine Fragen

Gregor Dotzauer

Eine Heimkehr. Keine Heimkehr. Berlin ist zwar Herta Müllers Zuhause geworden, aber die Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße hat für jeden etwas Exterritoriales. Eine im Brachland des früheren Todesstreifens aufragende Holzlattenellipse, die wiederum eine steinerne Ellipse umhüllt. Durch den Vorraum fegt der Wind, im Inneren stemmt sich eine nackte, mit dem Ziegelsplitt der 1985 von DDR-Grenzern gesprengten Versöhnungskirche gespickte Lehmmauer gegen die triste Umgebung. Ein Ort von dieser Welt zum Gedenken an die Opfer kommunistischer Gewaltherrschaft. Und kein Ort von dieser Welt. In seiner Nüchternheit ist er aber auch nicht gerade angetan, höhere Erscheinungen heraufzubeschwören. Wen also erblicken die vier Filmkameras und die zwei offiziellen Fotografen, die schon vor Beginn von Müllers erster Berliner Lesung seit der Verkündung des Nobelpreises am 8. Oktober durch die Leere klicken? Und was sieht sie, nachdem die Fotografen – „Frau Müller ist sehr gestresst“ – abrupt zum Verstummen gebracht werden?

Sie sitzt tatsächlich ziemlich angegriffen neben dem Altar an einem Tischchen mit rotem Samtüberwurf, im Rücken die alte Retabel der Versöhnungskirche mit dem letzten Abendmahl, auf der Empore vor sich den Orgelprospekt – und vor allem, penibel abgezählt, eine mindestens so ehrfürchtige wie herbstklamme Hundertschaft von Zuhörern. Die Tonanlage brummt unangenehm. Der einzige Heizpilz bestrahlt die Autorin, die zwei Kapitel aus der „Atemschaukel“ vorträgt, ihrem Roman über die Deportation von Rumäniendeutschen in ukrainische Lager gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. In ihm spiegelt sich die Geschichte ihrer Mutter und die ihres Freundes Oskar Pastior. Danach kein Gespräch, bitte keine Fragen aus dem Publikum, Signieren möglich, doch nur ohne Widmung. Und zuvor: ein Brief.

Doris Liebermann, die Müller in der Osteuropa-Reihe der Stiftung Berliner Mauer lange vor der Preisnachricht eingeladen hatte, verliest einen Glückwunsch des ungarischen Romanciers György Dragomán, der in seinem Debüt„Der weiße König“ von der Endzeit der Ceausescu-Diktatur aus Kinderperspektive erzählt. „Für alle Heimatlosen wie uns, die Rumänien verlassen mussten, ist dieser Preis eine große Ehre“, schreibt der 1973 als Minderheitsungar im siebenbürgischen Târgu-Mures geborene und 1988 nach Budapest geflohene Dragomán – „ein seltener Moment der Gerechtigkeit“.

„Wenn ich gebraten bin, steh’ ich auf“, hatte Müller unter ihrem Heizpilz anfangs verkündet. Nach einer guten halben Stunde ist es offenbar so weit. Fortsetzung am 11. November im Literarischen Colloquium Berlin.

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