Der Tagesspiegel : Herthaner, schaut auf diese Stadt!

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Sandra Dassler über Cottbuser Männerfreundschaften, die es sonst nur noch im Film gibt

ANGEMARKT

Natürlich hab’ ich auch geheult im „Wunder von Bern“. Obwohl ich damals noch gar nicht und später sowieso auf der falschen Seite zur Welt gekommen war. Als kleinen Trost gab es für unsereinen immerhin das „Wunder von Hamburg“ am 22. Juni 1974. Als Jürgen Sparwasser den Sepp Maier ausschaltete, war sogar mein Vater kurzzeitig für die DDR. Aber vielleicht dreht Sönke Wortmann demnächst noch ’ne Fortsetzung: die FDJHemden hat er ja schon mal.

Der Regisseur könnte dazu natürlich auch nach Cottbus kommen. Denn wenn irgendwo die Fußballwelt noch so ist wie zu Zeiten Sepp Herbergers, dann in der Lausitz. Das betrifft nicht nur das trotzige „Wir sind wieder wer“, sondern auch die Tatsache, dass da harte Männer in harten Zeiten – koste es, was es wolle!– zusammenstehen. Das schafft im Rest der Republik inzwischen höchstens noch Rudi Assauer auf Schalke.

Voll Verachtung schauen die Cottbuser denn auch in diesen Tagen auf Hertha BSC. Was für Weicheier! Verlieren mal ein paar Spiele und schon drehen die durch und wollen ihren Trainer feuern. Das könnte Energie-Coach Eduard Geyer nie passieren. Die Männerfreundschaft zwischen ihm und Manager Klaus Stabach hat noch jede Krise überstanden. Sei es auf dem Fußballfeld oder anderswo. Selbst als sich der Abstieg in der letzten Saison nicht mehr verhindern ließ und verschämt vereinzelte „Geyer raus“-Rufe laut wurden, hat sich Stabach nur an die Stirn getippt. Und als die Staatsanwaltschaft den Manager mit Ermittlungen wegen Untreue so in Bedrängnis brachte, dass der ein riesiges Banknotenbündel ausgerechnet in der Waschmaschine versteckte, hat Trainer Geyer mit derselben Geste reagiert. Keine Sekunde hat er an Stabach gezweifelt. Vor so viel Zusammenhalt musste am Ende sogar die Staatsanwaltschaft kapitulieren.

Und weil wir seit Schiller wissen, dass bei einer echten Männerfreundschaft immer auch ein Dritter mit im Bunde ist – gilt das alles auch für den Cottbuser Präsidenten Dieter Krein. Zwar hat ihm Geyer jetzt ein wenig übel genommen, dass er sagte, Energie sei „zum Aufstieg verdammt“, aber die Cottbuser haben ihrem Präsidenten schon schlimmere Äußerungen verziehen. Zum Beispiel, als er vor einigen Jahren den Spielern bei einer Aufstiegsfeier vor Tausenden Menschen zurief: „Hart wie Kruppstahl sollt ihr sein!“ In Berlin hätten die garantiert wieder ein Drama aus so etwas gemacht. Kein Wunder, dass das mit Hertha und dem Deutschen Meister nie und nimmer klappen kann. Aber deshalb werden die Lausitzer ihren Ede Geyer auch nicht in die Hauptstadt ziehen lassen. Da könnte der Röber noch so betteln.

Außerdem wurde das Stadion der Freundschaft gerade ausgebaut. Und wenn die Cottbuser weiter so erfolgreich spielen wie gestern, können die Berliner in der nächsten Saison ja in die Lausitz kommen, wenn sie erstklassigen Fußball sehen wollen. Und Männer, die treu und fest zusammenstehen. So, wie es das sonst nur noch im Film gibt.

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