Der Tagesspiegel : Herzensbrecher im Zeugenstand

Stefan Jacobs

Romeo trägt Jeans, Lederjacke und Handschellen. Der 54-Jährige mit dem kantigen Gesicht und dichtem silbergrauem Haar ist aus dem Gefängnis ins Potsdamer Landgericht gebracht worden, wo Staatsanwältin Ulrike K. auf der Anklagebank sitzt. Sie lächelt, als er den Saal betritt. "Romeo-Prozess" wird das Verfahren genannt, weil die Staatsanwältin aus Liebe zu dem Bankräuber Beweise vernichtet und zu seinen Gunsten gelogen haben soll. Die Anklage: Strafvereitelung im Amt und uneidliche Falschaussage. Ulrike K. bestreitet die Vorwürfe; die Beweislage ist dünn und widersprüchlich.

Heiterkeit bei den Besuchern löst die Belehrung des Zeugen Wilhelm Terhar alias Romeo aus, dass Falschaussage strafbar sei. Schließlich ist Terhar wegen mehrerer Banküberfälle zu 13 Jahren Haft plus anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Die 52 Jahre alte Staatsanwältin sollte in dem damaligen Verfahren die Anklageschrift erstellen - und verliebte sich in ihn. Deshalb habe sie drei Fotos einer Überwachungskamera verschwinden lassen. Auf einem der Bilder will eine Zeugin zuvor den Räuber zweifelsfrei erkannt haben. Die Frau kannte sein Gesicht genau - sie war einst mit ihm verlobt. Die angeklagte Staatsanwältin allerdings bestreitet, der Zeugin jemals Fotos vorgelegt zu haben.

Ein bei der damaligen Vernehmung anwesender Polizist stützte in der vergangenen Woche diese Version, und der Anwalt von Ulrike K. hält die Bilder sogar für eine Erfindung der Ex-Verlobten: "Die Frau war einfach nur sauer, weil ihr der Mann ausgespannt wurde." Obendrein sind die Fotos bis heute verschollen - zum Verdruss des Leitenden Oberstaatsanwaltes Carlo Weber, der die Anklage gegen seine Kollegin vertritt. Der zweite Anklagepunkt bezieht sich auf eine Aussage von Ulrike K. in der Verhandlung gegen den Räuber: "Bewusst wahrheitswidrig" soll sie damals gesagt haben, Terhar habe vor einer Vernehmung nach eigenem Bekunden Drogen geschnupft. Laut Anklage wollte sie damit dem geliebten Verbrecher eine mildere Strafe verschaffen.

Der gestrige Termin vor dem Landgericht brachte keine Klärung. Auf die Frage nach einer "persönlichen Beziehung zu der hier Angeklagten" schwieg Terhar. Nach fünf Minuten Verhandlung klickten wieder die Handschellen. Ulrike K. lächelte, als er abgeführt wurde.

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