Der Tagesspiegel : "Hier ist unsere Heimat"

Claus-Dieter Steyer

Der Schriftzug am Werk für Eisenbahn-Drehgestelle in Vetschau mutet seit gestern sarkastisch an. "Auf den Schienen liegt die Zukunft" steht dort in großen Lettern. Doch in wenigen Wochen wird es hier keine Arbeit und keine Zukunft mehr geben. 110 Arbeitsplätze werden nach einem Beschluss des Bombardier-Konzerns im Werk gestrichen. In den Zulieferbetrieben dürften weitere 200 Beschäftigte ihren Job verlieren.

"Wir knüppeln hier wie verrückt und plötzlich dreht man uns den Hahn ab", sagt Siegfried Pfennig. "Keiner versteht das, denn die Auftragsbücher sind gut gefüllt." Seit 32 Jahren arbeite er im Werk. Umziehen in den Westen komme nicht in Frage. "Unsere Familie hat hier nach der Wende ein Haus gebaut. Das können wir doch nicht einfach aufgeben." Betriebsratschef Horst Hänsel bestätigt die gute Auslastung der Maschinen. "Wir mussten sogar Leiharbeiter einstellen, um alle Aufträge für Eisenbahnwaggons, Straßenbahnen und U-Bahnen zu schaffen." Im Vetschauer Betrieb gebe es nichts mehr zu sparen. "Unsere Struktur stimmt", versichert Hänsel. Schon 1999 habe die Belegschaft durch eine tagelange Besetzung eine Werksschließung verhindert.

Das Angebot der Konzernzentrale, sich um einen Arbeitsplatz im Drehgestellwerk Siegen zu bewerben, empört viele. "Wir haben hier keine Holzhäuser, die wir einfach auf einem Tieflader hinter uns herziehen können", schimpft der 48-jährige Schweißer Ulrich Klauck. "Hier ist unsere Heimat, hier ist unsere Existenz." Auch er sieht keine wirtschaftlichen Gründe für die Schließung des Betriebes. "Die Kollegen im Westen stecken wir doch locker in die Tasche. In der Produktivität macht uns keiner etwas vor." Wahrscheinlich sollten die Vetschauer nun "Aufbauhilfe West" leisten, spottet er. Ein anderer Arbeiter erinnert an die Geschichte des Werkes. "Zur Wendezeit waren wir 650 Leute. Wir sind jedes Jahr geschrumpft und lebten von der Hand in den Mund." Und jetzt sei die Rede davon, dass das Drehgestellwerk Vetschau zu klein sei. "Mensch, die da oben haben uns kaputtgeschrumpft."

In der Kleinstadt Vetschau ist das Bombardier-Werk zusammen mit den Zulieferbetrieben der größte Arbeitgeber. Deshalb sahen die meisten vor dem Werktor befragten Beschäftigten auch wenig Chancen auf einen Arbeitsplatz in der Stadt oder in der Umgebung. Die Vetschauer Braunkohle-Kraftwerkes sind längst geschlossen - und auch die einstmals entworfene Perspektive Vetschaus als "Tor zum Spreewald" hat keine großen Chancen mehr. Das Touristenziel liegt zu weit weg und im Vergleich zur Konkurrenz in Lübbenau, Lübben oder Burg hat die Stadt außer der deutsch-wendischen Doppelkirche für Ausflügler nicht viel zu bieten.

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