Der Tagesspiegel : High über die Hürden

NAME

Von Sandra Dassler

Potsdam. Viele hatten es schon am vergangenen Dienstag befürchtet: In vier Tonnen eines Futtermittels, das im Juni aus den Niederlanden an eine südbrandenburgische Firma geliefert wurde, war das verbotene Wachstumshormon Medroxy-Progesteron-Acetat (MPA) enthalten. Nur durch einen glücklichen Zufall konnten zwei Tonnen Kälberfutter von den Ermittlern des Potsdamer Landwirtschaftsministeriums noch sichergestellt werden, bevor sie an die Mastbetriebe transportiert wurden (der Tagesspiegel berichtete). Zwei weitere Tonnen waren allerdings bereits in Futtertrögen gelandet – und die stehen in sechs Reiterhöfen. „Zum Glück enden die Pferde nicht im Schlachthof“, hatte der Sprecher des Agrarministeriums, Jens-Uwe Schade, sichtlich erleichtert, konstatiert. Doch dem ersten Aufatmen folgten neue Sorgen. In den Reiterhöfen werden auch Pferde gehalten, die bei Turnieren antreten. Dort müssen sie sich natürlich auch Dopingkontrollen unterziehen. Sollte MPA auf der Liste der verbotenen Mittel stehen, droht den Tieren eine Sperre.

Der Präsident des Landesverbands Pferdesport Berlin-Brandenburg und SPD-Bundestagsabgeordnete, Peter Danckert, sagte dem Tagesspiegel, er werde sich bezüglich der hormonverseuchten Futtermittel weiter kundig machen. In Berlin und Brandenburg gibt es etwa 17 000 eingetragene Pferde, die auch an Turnieren teilnehmen können. Weitere 13 000 Tiere werden nach Danckerts Einschätzung von Freizeitreitern gehalten.

In der Pressestelle des Verbraucherschutzminsteriums von Renate Künast war man bis gestern Nachmittag noch nicht von den Ergebnissen der Futtermittelproben in Brandenburg unterrichtet. Sprecher Andreas Schulze wollte sich deshalb nicht zu den Hormonen im Pferdefutter äußern, wies jedoch darauf hin, dass es sich bei MPA „nicht um ein Wachstumshormon“ handele: „Das wird immer nur in den Medien so dargestellt. In Wahrheit geht es um eine Substanz, die Schwangerschaften verhindert.“

Problematisch ist nach Ansicht von Experten auch die Tatsache, dass manche betroffene Pferde ausschließlich touristischen Zwecken dienen. Und diese Tiere, weiß Anita Idel vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau in Berlin, landen manchmal eben doch auf der Schlachtbank. In Frankreich und anderen europäischen Länder finden sich Abnehmer für Pferdefleisch und das bringt den Haltern statt der „Entsorgungskosten“ einen guten Schlachtpreis. Anita Idel sieht daher die Verantwortlichen durchaus in der Pflicht, jene Tiere, die das hormonbelastete Futter gefressen haben, auf Rückstände zu untersuchen: „MPA gehört eindeutig zu jenen Substanzen, die nicht im Futter für Tiere, die Lebensmittel liefern, enthalten sein dürfen.“ Die Behörden wollten auch gestern aus Datenschutzgründen nicht mitteilen, um welchen Futtermittelhersteller es sich handelt. Von den Reiterhöfen sollen sich zwei im Landkreis Dahme-Spreewald und einer im Elbe-Elster-Kreis befinden. Dass MPA auch in das Futter von Rennpferden gelangt sein könnte, schloss Martin Rölke, Trainer in Hoppegarten, aus: „Wir beziehen keine Futtermittel aus Brandenburg.“

Beim Landesverband Pferdesport überlegt man inzwischen, wie man mit dem ungewollten Doping umgehen soll. „Zur Zeit finden viele Turniere statt“, sagt Peter Danckert: „Sollten tatsächlich bei einem Tier verbotene Hormone nachgewiesen werden, muss sich der Verband bezüglich einer Sperre kulant zeigen. Das gilt natürlich nur, wenn das Tier von einem der betroffenen Reiterhöfe stammt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar