Highlights-Messe in München : Geheime Kammern

Kalkulierte Kontraste: Die Highlights-Messe in München bringt Gegenwartskunst und Antiquitäten zusammen - und zieht damit hervorragende Sammler an.

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Barockes Gefühl. Höfische Möbel neben abstrakter Kunst von Josef Albers – Blick in die Kojen der Highlights.
Barockes Gefühl. Höfische Möbel neben abstrakter Kunst von Josef Albers – Blick in die Kojen der Highlights.Foto: Messe /VG Bildkunst, Bonn 2017

Den ersten roten Punkt auf der Münchner Kunstmesse Highlights setzt Damien Hirst. Er stammt vom Künstler selbst, prangt auf einem Holzschnitt und ist wahlweise einzeln, als Duo oder in bunter Kombination im Dutzend erhältlich. Jeder Punkt mehr erhöht den Preis der Blätter, die bei 3200 Euro beginnen – obwohl es sich beim Einkreismotiv um eine Auflage von 55 Exemplaren handelt.

Auch gegenüber bietet Rainer Jungbauer ein – wenn auch historisches – Massenprodukt an. In seiner Koje schweben hölzerne Kindsköpfe aus dem 18. Jahrhundert, wie sie einst in Kirchen die Wand um den Altar schmückten. Über die roten Wangen der Wesen hat sich Patina gelegt, ihre aus Lindenholz geschnitzten Gesichter tragen individuelle Züge und es scheint, als kamen die Putten aus einer anderen Zeit in die Gegenwart geflogen. Vor allem aber verlangt Jungbauer kaum mehr als nebenan der Kollege für das Blatt mit Punkt.

Schöner, aber auch schmerzhafter führt keine andere Kombination der Messe vor Augen, wie es um die Antiquitäten steht. Dass sie im unmittelbaren Vergleich nur zu oft ästhetisch führen und dennoch das Nachsehen haben, weil alle Welt gerade auf Gegenwartskunst steht. Ein paar Tausend Euro für die Arbeit eines namhaften Künstlers scheinen gut investiert. Selbst wenn es wie im Fall von Hirst um Editionen geht, mit denen sich der Markt ebenso breit wie preiswert abdecken lässt.

Von Mittelalter bis Gegenwart

In solchen Momenten wünscht man sich den Kenner zurück, der in naher Vergangenheit am Stand von Christian Eduard Franke oder bei Langeloh Porcelain die Qualität der Objekte mit einem Blick erkannte. Oder wenigstens einen Käufer, der dem eigenen Geschmack vertraut. Er kann an den knapp vierzig Ständen der achten Highlights wunderbare Entdeckungen machen.

Vom Mittelalter bis in die Gegenwart reicht der Zeitstrahl, an dem man sich in der Münchner Residenz durch die Epochen hangeln kann. Der Handel mit Antiken ist faktisch vorbei, wichtige Händler aus den Nachbarländern verzichten auf ihre Teilnahme, seit das Kulturgutschutzgesetz in Kraft getreten ist. Dafür glänzt das höfische Interieur vom 17. bis 19. Jahrhundert mit ausgesuchten Kommoden, Stühlen und Objekten. Fast 300 000 Euro kostet ein antiker Schrank für Kuriositäten, der mit Elfenbein geschmückt ist und über zahllose Schubladen und geheime Fächer verfügt, in denen sich Preziosen aufbewahren lassen. Es sind solche Exponate, wie sie unter anderen der Kunsthandel Mühlbauer mitbringt, die den Gang durch die Kojen zu einem Erlebnis machen: Vergleichbares findet sich unweit im bayerischen Nationalmuseum.

Antiquitäten sind auf dem Rückzug

Wo solche Händler wegfallen, füllen sich die Lücken auf der Messe vorwiegend mit Galerien der klassischen Moderne. Bilder von Erich Heckel, Emil Nolde oder Serge Poliakoff sind präsent, zu ihnen gesellen sich kleine Skulpturen von Norbert Kricke oder Tony Cragg (um 60 000 Euro) und die Protagonisten der Zero-Gruppe – Heinz Mack, Günther Uecker, Otto Piene und Adolf Luther – in diversen Preiskategorien.

Das alles sorgt für Qualität, macht allerdings schon rein optisch auf die fehlenden Kojen mit alten Möbeln, historischem Porzellan oder jenen sakralen Figuren aufmerksam, wie sie der Kunsthandel Senger von Bamberg nach München gebracht hat. Kein Zweifel: Antiquitäten sind auf dem Rückzug, zumindest im deutschen Raum. International beweist die Maastrichter Tefaf das Gegenteil mit ihrem Spross Tefaf Fall New York: Die Premiere vergangenes Jahr war offenbar so erfolgreich, das Händler wie Georg Laue aus München mit seinen ausgesuchten Wunderkammer-Objekten oder Florian Eitle der jungen Veranstaltung in New York Ende Oktober den Vorzug gegeben. Die Highlights reagiert darauf und wird im kommenden Jahr eine Woche früher stattfinden, um die dichten Termine der Händler wenigstens etwas zu entzerren.

Unmittelbarer Vergleich zwischen den Epochen

Etwas mehr Altes, und die Highlights wäre perfekt. Dass sie immer noch hervorragende Sammler anzieht, beweisen die Verkäufe am ersten Tag. Bei Langeloh braucht es nach der Eröffnung nur wenige Minuten, bis ein seltenes Paar Mandelkrähen aus Porzellan von Johann Joachim Kändler für Meissen den Besitzer wechselten – für eine ungenannte, sicher aber hohe Summe.

Einzigartig ist ebenso ein Bild von Otto Muehl am Stand jener Galerien, die sich gemeinsam als Schaufenster für die „Art Salzburg“ im Sommer 2018 präsentieren – Muehl hat das eigenwillige Gebilde aus Stoff geformt, bevor er komplett mit der Malerei brach und den eigenen Körper in der Kunst einsetzte. Unweit davon hängt ein Großformat von Anselm Kiefer (400 000 Euro), ein paar Kojen weiter lassen sich bei Kunkel Fine Art oder Dr. Moeller & Cie aber ebenso für ein paar Tausend Euro exquisite Zeichnungen aus dem späten 19. Jahrhundert bis in die sechziger Jahre erwerben. Dazu würde ähnlich gut ein Punktbild von Damien Hirst passen wie zu den Puttoköpfen am Stand von Jungbauer. Auch dafür steht die Messe, die wie kaum eine andere den unmittelbaren Vergleich zwischen den Epochen erlaubt. Auf Hirst soll schließlich niemand verzichten – aber erst, wenn er sich souverän die Vergangenheit angeeignet hat.

Highlights, Residenz München, wieder im Oktober 2018, www.munichhighlights.com

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