Der Tagesspiegel : Hilfe für Immigranten: Neuer Verein zur Integration jüdischer Einwanderer

Alexander Pajevic

Mit den jüdischen Immigranten aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die seit 1991 nach Deutschland und nach Brandenburg eingewandert sind, kam auch ein gewaltiges Potenzial ins Land: Zwischen 60 und 70 Prozent sind akademisch ausgebildet, viele von ihnen sind Künstler oder hatten hohe Funktion in Forschung und Technik. Und doch liegen diese Kräfte zum größten Teil brach. Etwa 80 Prozent der Zuwanderer leben nach Schätzungen trotz ihrer Qualifikationen von der Sozialhilfe oder sind arbeitslos. Es sind in erster Linie mangelnde Sprachkenntnisse, die ihnen die Integration erschweren und es ihnen unmöglich machen, sich in den hiesigen Arbeitsmarkt einzugliedern.

In Potsdam haben deshalb jüdische Zuwanderer die "Integrationsinitiative jüdischer Immigranten" (IJI) gegründet. Mit der im vergangenen November als gemeinnütziger Verein eingetragenen Selbsthilfegruppe wollen die bislang zehn Mitglieder dazu beitragen, die Integration von Zuwanderern effektiver zu gestalten. Insbesondere Bemühungen, die berufliche Integration voranzutreiben, sollen dabei im Vordergrund stehen. Der Verein sieht sich als weltliche Vereinigung und verfolgt keine religiösen Zwecke. Laut ihrem Vorsitzenden Wladimir Emdin möchte man für alle Nationalitäten und Religionen offen sein.

Der Gründung des Vereins lag die Überlegung zugrunde, dass Immigranten selbst aufgrund ihrer Erfahrungen zur einer erfolgreichen Integration von Neuankömmlingen beitragen können. "Die Regierung, das Land und die Kommunen machen alles, was sie können, um den Leuten bei der Integration zu helfen", hob Emdin hervor. Dennoch sei die Effizienz der Projekte nicht so hoch wie es möglich wäre. Hier möchte die IJI in Emdins Worten eine "Rückkopplung an das System Immigrant" aufbauen: "Wir wollen unseren Beitrag zur Integration leisten. Wir verstehen die Probleme und die Lebensbedingungen der Zuwanderer sehr gut. Das ist unser Vorteil." Als erster Projekt ist etwa an eine bessere Koordination der Deutschkurse gedacht, die derzeit nicht auf die individuelle Vorbildung der Zuwanderern abgestimmt seien. Den jüngsten Brandanschlag auf den jüdischen Friedhof in Potsdam nannte Emdin zwar "erschreckend", betonte aber zugleich: "Antisemitismus gibt es überall. Wir sind davon überzeugt, dass Deutschland ein demokratisches Land ist."

Neben der Integration verfolgt die IJI auch das Ziel, die Begegnung zwischen Ausländern und Deutschen zu fördern, um die Fremdenfeindlichkeit im Land abzubauen. Die Brandenburgische Ausländerbeauftragte, Almuth Berger, begrüßte die Initiative ausdrücklich, insbesondere angesichts der rechtsextremen Ausschreitungen mit denen das neue Jahr in Brandenburg begonnen habe. Integration sei eine wichtige Voraussetzung für das Zusammenleben und den Abbau von Fremdenfeindlichkeit im Land, sagte sie.

Seitdem die Innenministerkonferenz 1991 beschlossen hatte, russische Juden als Kontingentflüchtlinge anzuerkennen und ihnen ohne individuelle Prüfung eine Aufenthaltserlaubnis zuzusprechen, sind etwa 4600 jüdische Zuwanderer vor allem aus Ländern der früheren Sowjetunion nach Brandenburg gekommen. Nach Angaben der Ausländerbeauftragten leben davon noch 1500 bis 2000 im Land. Die Übrigen gingen vor allem in die alten Länder.

Nach zwei Neugründungen im vergangenen Jahr in Oranienburg und Königs Wusterhausen gibt es mittlerweile mit den Gemeinden in Potsdam, Bernau, Cottbus, Frankfurt/oder und Brandenburg/Havel insgesamt sieben jüdische Gemeinden, die im Landesverband Jüdischer Gemeinden Land Brandenburg mit Sitz in Neu-Fahrland zusammengeschlossen sind. Von dieser hat sich vor zwei Jahren eine "gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde Brandenburg" abgespalten.

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