Der Tagesspiegel : „Hindenburg hob den Marschallstab“

Der Tag von Potsdam am 21. März 1933 war nicht in erster Linie eine Inszenierung der Nazis, sagt der Historiker Martin Sabrow

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MARTIN SABROW (48)

arbeitet am Zentrum für

Zeithistorische Forschung

in Potsdam. Zum

„Tag von Potsdam“ wird er

am Freitag um 18 Uhr

im Alten Rathaus sprechen.

Foto: privat

Was bedeutete der „Tag von Potsdam“?

Er stellte den Schulterschluss zwischen nationalsozialistischer Revolution und konservativer Gegenrevolution dar. Die interessante Frage ist nun, welche dieser beiden Seiten am 21. März 1933 eigentlich den Sieg davontrug. Und das war eben nicht nur Hitler, sondern viel stärker Hindenburg.

Eine unübliche Sichtweise.

Der Tag von Potsdam wird immer gesehen als ein planmäßig und gezielt vorbereitetes Ereignis, als eine große Verführungskomödie, inszeniert von Propagandaminister Goebbels. Doch darin steckt eine nicht unwesentliche Entlastung der deutschen Gesellschaft, ein entscheidendes Argument für die Verführungsthese: An diesem Tag hätten sich die bürgerlichkonservativen Eliten nicht anders verführen lassen als zuvor schon die Millionenschar der Hitler-Wähler und später fast das ganze deutsche Volk.

Aber dem war nicht so?

Die Deutschen wurden an diesem Tag nicht verführt, sie gaben sich vielmehr mehrheitlich dem Rausch einer Selbstverführung hin. Damit verlagert sich die Verantwortung für das, was das „Dritte Reich“ bedeutete, ein wenig weiter weg von der Alleinverantwortung einer kleinen, entschlossenen NSDAP-Führung hin zur Mit- und Selbstverantwortung eines großen Teils der Bevölkerung.

Wird also die Inszenierung überbewertet?

Der „Tag von Potsdam“ verlief überhaupt weit weniger glänzend inszeniert, als das Denkschema von der Entscheidungskraft großer Männer – oder Schurken – glauben machen will. Seine Entstehungsgeschichte ist die Geschichte einer chaotischen Vorbereitung, die zeitweise hart am Fiasko entlanglief. Vor allem war der Potsdamer Staatsakt alles andere als das Produkt entschlossener Planung. Hätte Marinus von der Lubbe nicht den Reichstag am 27. Februar angezündet, wäre er selbstverständlich im angestammten Haus eröffnet worden. Insofern war es wie oft in der NS-Machtergreifung ein externes Momentum, das die Nationalsozialisten für sich zu nutzen verstanden. Und dies war ihnen möglich, weil hinter ihnen eine gesellschaftliche Bereitschaft stand, diese dynamische Bemächtigung anzunehmen oder sogar noch zu verstärken.

Wieso halten Sie Hindenburg für den Sieger des „Tages von Potsdam“?

Die Reichsregierung hatte Anfang März verkündet, dass der Reichstag in der Garnisonkirche eröffnet werde. Dazu kam es aber nicht, er wurde vielmehr an traditioneller Stelle eröffnet, nämlich in der Kroll-Oper gegenüber dem ausgebrannten Reichstag; in der Garnisonkirche fand nur ein zeremonieller Staatsakt statt. Dahinter stand Hindenburgs Veto, politische Verhandlungen nicht in einem Gotteshaus stattfinden zu lassen. Daraufhin wurde mühsam ein Kompromiss ausgehandelt: keine eigentliche Reichstagseröffnung in der Kirche, sondern nur ein formeller Staatsakt mit Präsidentenansprache und Kanzlererklärung sowie vorher Gottesdienste für die Abgeordneten in anderen Kirchen, um das Ganze noch mehr aus der parteipolitischen in eine staatlich-sakrale Sphäre zu heben. Vor allem aber wurde verabredet: Im Mittelpunkt würde der Reichspräsident stehen und nicht sein Kanzler.

Und so kam es dann auch?

Hindenburg spielte tatsächlich die zentrale Rolle, auch – so schwer nachvollziehbar es erscheinen mag – als charismatische Figur. Er setzte die Agenda bis hin zur überraschend gemäßigten Sprache von Hitlers Regierungserklärung, die nur in wenigen Wendungen das terroristische Potenzial der neuen Machthaber andeutete. Das Straßenbild war an diesem Tag stark von schwarzweißen und schwarzweißroten Fahnen dominiert, sehr viel stärker als von Hakenkreuzen. Hitler und Goebbels boykottierten zudem den Anfang der Feier, nahmen nicht am Gottesdienst teil, sondern besuchten die Gräber von SA-Männern in Berlin – was eigentlich ein beispielloser Affront war. Hitler war zivil in Cut, weißen Schal und Zylinder gekleidet statt ins Braunhemd seiner Fraktionskollegen. Später wurde dieser Umstand zu einer bewussten Kostümierung umgedeutet; dabei hatte Vizekanzler Papen selbst es sich hoch angerechnet, dass er Hitler mit Hinweis auf das Protokoll in bürgerliche Kleidung genötigt habe. Zuguterletzt verließen Hitler und das Kabinett Potsdam auch noch lange vor dem Ende der Abschlussparade, während Hindenburg noch unermüdlich ausharrte und den Marschallstab hob. Insofern schien der „Tag von Potsdam“ ein Sieg des Potsdamer Geistes über das nationalsozialistische Plebejertum.

Hindenburgs Sieg wird aber schon mit dem Ermächtigungsgesetz hinfällig.

Natürlich. Aber am Tag von Potsdam selbst erlebten die Konservativen den scheinbaren Beweis, dass die sich so radikal gebärdende Hitlerbewegung doch zu zähmen war. Auf der anderen Seite war man damals in Deutschland bis in Teile der Sozialdemokratie hinein davon überzeugt, dass der demokratische Weg nicht der deutsche Weg sein könne und dass der Parlamentarismus abgewirtschaftet habe. Man träumte von einer Zeitenwende, die die politische Zerrissenheit der demokratischen Parteienwelt in die politische Einheit einer Volksgemeinschaft verwandeln würde. Diese Zeitenwende beglaubigt der Tag von Potsdam durch seine vielfältigen Konnotationen, etwa zum Tag des ersten Deutschen Reichstags von 1871, zum Frühlingsanfang und weitere absichtsvolle symbolische Bezüge zu 1918 und 1848. Und der mit dem Festakt ausgelöste dynamische Schub der „nationalen Erhebung“ geht dann so weit, dass er zwei Tage später die allgemeine Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz beflügelt – das auch der monarchistischen Tradition die Beine wegziehen sollte.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller.

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