Der Tagesspiegel : Historisch, bunt, ostalgisch

Mehr als 40000 Menschen kamen zum Festumzug zur 750-Jahr-Feier von Frankfurt (Oder). Einige in DDR-Kittelschürzen

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder). Auf die Kamele im großen Festumzug zur 750-Jahr-Feier von Frankfurt (Oder) war schließlich doch noch Verlass. Laut Programm sollten die beiden exotischen Tiere eigentlich die Darstellung der Zeit unmittelbar nach der Wende schmücken, in der so vieles vorher Undenkbares plötzlich möglich wurde. Leibhaftige Kamele gab es in der DDR schließlich nur im Zoo oder Zirkus. Aber eine private Kamelzucht war damals unmöglich. Heute arbeitet so ein Unternehmen in der Nähe von Frankfurt, so dass die Kamele zwar etwas verspätet aber um so passender vor der Ehrentribüne aufmarschierten – im Bild „Frankfurt heute“.

2100 Mitwirkende hatten sich in den vergangenen Monaten auf den großen Umzug vorbereitet. Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) freute sich zurecht über diesen in der Vergangenheit recht schmerzlich vermissten Bürgersinn in der 67000-Einwohner-Stadt. „Einer hat den anderen mitgerissen“, meinte das Stadtoberhaupt. Zusammen mit Ministerpräsident Matthias Platzeck und den drei früheren Weltklasseboxern Henry Maske, Axel Schulz und Manfred Wolke winkte er über zwei Stunden seinen in historischen Trachten verkleideten Einwohnern zu.

Den meisten Spaß und Beifall lösten die Erinnerungen an die DDR-Zeiten aus, weil für negative Bilder im Festumzug nicht viel Platz war. So aber genügten für die Heiterkeit schon Schilder und Losungen wie so vor 14 Jahren noch überall hingen: „Alles zum Wohle unserer werktätigen Frauen“ oder „Sie werden platziert“. Letztere Tafel gehörte in den meisten Gaststätten zu den wichtigsten Utensilien, um den Ansturm irgendwie zu bewältigen.

Dazu passend hatten viele Frankfurter ihre alten Dederon-Kittelschürzen, die „Präsent 20“-Anzüge oder die Kleider aus der Serie „chic und adrett“ noch einmal übergezogen. Die Schweißperlen auf der Stirn stellten sich bei den meisten Akteuren keineswegs nur wegen des schönen Wetters ein. Denn die einst so begehrten Produkte bestanden zu 100 Prozent aus Kunstfasern, ohne eine Spur von Natur. Da scheint es schon sonderbar, dass ausgerechnet die braunen Trainingsanzüge der NVA mit den gelben Streifen und dem Emblem „ASV“ (Armeesportverein) bei jungen Leuten von heute so begehrt sein sollen. In Frankfurt hüpften sie in den merkwürdigen Jacken und Hosen jedenfalls so ungestüm wie bei der Love Parade.

Die nach der Wende offensichtlich massenhaft in die Stadt eingefallenen Abzocker, Betrüger, zwielichtigen Geschäftsleute und undurchsichtigen Berater wurden gleichfalls sehr überzeugend gespielt, und der Festumzug klang trotzdem versöhnlich aus: Der Kampf gegen die Oderflut 1997 schweißte Wessis und Ossis zusammen.

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