Historisches Kreuzberg : Das Mystische der Schlesischen Straße

Die Kneipe „Mysliwska" ist ein mystischer Ort in Kreuzberg - und wird jetzt mit einer Ausstellung gefeiert.

Vom Tresen sieht man auf die Schlesische Straße. Hamlet steht dort in großer Schrift, darunter Regie: Perer Zadek. Beginn 4. September '99. Früher war drüben die Schaubühne. Und hier, hinterm Tresen, hat früher Ulla Hahn Bier gezapft. An manchen Tagen bedient jetzt der Künstler Tom Neubauer im Mysliwska. Der Laden in Kreuzberg ist eine Künstlerkneipe. Nicht eine von denen, wo es Ausstellungen gibt, „wo dilettantische Aquarelle an der Wand hängen". Die Kneipe selbst habe eine „eigene Ästhetik", sagt Peter Funken. Das Mysliwska sei „seit den achtziger Jahren ein Treffpunkt für Leute gewesen, die sich mit Kunst befassen". Richtige Künstler und richtige Kunst. Und damit kein Zweifel entsteht: „Das Mysliwska war der Nachfolger der Paris Bar". Von der Schlesischen Straße sieht man zwei große dunkle Fenster, die Tür ist ein Holzbrett, das klemmt. Nur das gelbe Schild mit den geschwungenen, grünen Buchstaben leuchtet hell: Mysliwksa, mit dem polnischen Haken über dem „s". Eine einzelne Neonröhre brennt von hinten durch die Schrift, sonst flackern nur die Kerzen im Fenster. Auch drinnen ist es dunkel. Vorne die Bar, hinten Tische, an denen niemand sitzt. Die Stühle sind alle unterschiedlich. Dunkle Lackfarben an der Wand, Stuck, hinter unendlichen Farbschichten versteckt und verstreut Vasen mit dürren Blumen. Am Eingang steht eine Vitrine, in der die Becks gekühlt werden, bewacht von einem Plastik-Alligator. Eine Kneipe, die lieber dunkel bleibt. Heute zapft eine Frau mit Zahnlücke und dunklen Augenbrauen. Zu dunkel für ihr blondes Haar. Wahrscheinlich auch eine Künstlerin. Fotos? Installationen? Ein kleiner Junge rollt seine Autos über die Steinfliesen, die Mutter trägt eine Trainingsjacke mit vier Streifen. Sie sitzt an der Bar, neben ihr ein junger Mann, Uwe, vorn am Fenster unterhalten sich ganz leise drei andere, und im Durchgang zum Klo sitzt ein alter Mann mit Wollmütze und weißem Bart. Sonst ist niemand da. Im Mysliwska treffen sich Leute, hatte Peter Funken gesagt, bei denen „Freizeit und Arbeitszeit nicht klar zu trennen sind". Der Alte stopft sich seine Pfeife und beobachtet den Jungen. „Ich mache mir nichts mehr vor", sagt die Barfrau und öffnet eine Flasche Wein. Dabei kommt ihre Zahnlücke
zum Vorschein und sie sieht aus, als ob sie lachen würde. „Findest du es nicht gut?", fragt sie, und Uwe mit dem vollen, dunklen Haar, antwortet schnell: „Doch". Plötzlich reckt der Alte seinen Arm vor und ballt ungeschickt die Faust, nicht böse, eher als Aufmunterung an den Jungen. Dabei beugt er sich zu ihm hin, als ob er mit ihm spielen wolle. Doch dann kriegt er sein nächstes Bier.

Der ganze Artikel in der Zeitungsansicht des ehemaligen Tagespiegelblatts.