Historisches Kreuzberg : Die journalistische Kochstraße

Leopold Ullstein, Rudolf Mosse, August Scherl – sie alle saßen rund um die Kochstraße und begründeten den Ruf des Quartiers als Zeitungsviertel. Heute ist es wieder so.

Im Umgang mit ihrem historischen Erbe, dem vorzeigbaren wohlgemerkt, hat die Hauptstadt unterschiedliche Fortüne. Am besten haben die Museen ihr Feld bestellt: über 180 Häuser, darunter eine Attraktion von Weltrang, gute Managements, Geld, Stifter, bewunderte Bauprojekte und eine ägyptische Schönheit als Schutzheilige. Mit der historischen Innenstadt – dem einstigen Forum Fridericianum, der Königsstadt – verhält es sich schon komplizierter. Sie hat zu viel mit dem Preußen zu tun, das die Alliierten 1946 zu unserer Beruhigung verboten haben, weshalb auch heute noch gilt: man liebt sie – man liebt sie eher nicht. Dies gilt aber ebenso für das historisch unverdächtige Pseudo-Zentrum Potsdamer Platz, so dass, trotz aller Vorbehalte, auch das Projekt Innenstadt auf Erfolgskurs segelt. Nicht nur, weil ein parlamentarischer Beschluss für den Wiederaufbau des Stadtschlosses und ein intelligenter Plan für dessen Umwidmung zu einem Humboldt- Forum vorliegt, sondern auch, weil daraus ein demokratischer Geschichts- und Geschmacksstreit erwachsen ist, der der Republik zu Gesicht steht und eigentlich nur gut enden kann. Bleibt die Zeitungsgeschichte, die einer rätselhaften öffentlichen Gleichgültigkeit verfallen ist, obwohl sie zum Erfreulichsten gehört, was über Berlin erzählt werden kann. Gemeint ist natürlich die Zeitungsgeschichte bis 1933, denn zur Nazi-Presse will einem am liebsten nichts einfallen, und die Presse danach unterlag den restriktiven Spielregeln der Teilung. Letzteres mag ein Grund dafür sein, warum kein hauptstädtisches Blatt, keine Stiftung, kein Institut sich zum Chronisten der einstigen Triumphgeschichte aufgeschwungen hat, die quasi in einem Doppelschlag, 1933 und 1944/45, in Trümmer ging. Dabei sah es im kapitulierten Berlin zunächst ganz anders aus. Damals kam der ehemalige Mosse-Journalist Peter de Mendelssohn aus dem Londoner Exil zurück. Als Pressechef der amerikanischen Kontrollkommission beobachtete er staunend, wie im Sowjetsektor innerhalb von Wochen sieben Blätter gegründet wurden: der „Panzerbär“, die „Tägliche Rundschau“, die „Berliner Zeitung“, die „Deutsche Volkszeitung“, „Das Volk“, die „Neue Zeit“ und „Der Morgen“. Er selbst konnte mit der Mitgründung des Tagesspiegels (September 1945) und der Hamburger „Welt“ (1946) nur nachziehen. Danach muss er schon ziemlich bald mit den Quellenstudien für seine Geschichte der Berliner Presse begonnen haben. Dem Buch, das 1959 unter dem Titel „Zeitungsstadt Berlin“ erschien, verdanken wir das Diktum von der „größten Zeitungsstadt der Welt“ und das noch erstaunlichere vom „zeitungsversessensten und zeitungsverwöhntesten (Stadt-) Volk der Welt“, was wir uns heute beides nicht mehr vorstellen und daher nicht daran glauben können...

Der ganze Artikel in der Zeitungsansicht des ehemaligen Tagespiegelblatts.