Historisches Kreuzberg : Marheinekehalle im Jahr 1957

Langsam werden die Trümmer rar in Berlin. Findet man dennoch irgendwo einmal eine trostlose große Ruine, so handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um einen der toten Fernbahnhöfe. Auch der ausgebrannten "Markthalle V" ergeht es nicht besser.

Die Fassade der ausgebrannten „Markthalle V" an dem Magdeburger Platz sieht nicht um einen Deut erfreulicher aus als etwa die Überreste des „Anhalters" oder des „Görlitzers". Leere Fensterhöhlen klaffen, kein Dach verwehrt dem Regen den Zutritt, und die zerrissenen Mauern sind mit kommunistischen Parolen beschmiert. Ein deprimierender Anblick; und doch ist die Halle nicht so verlassen, wie es bei flüchtigem Hinschauen den Anschein haben mag: in einer Art Verschlag haben sich 15 Markthändler etabliert, und ihre Stände werden noch immer gern aufgesucht. Abel sie haben nur noch eine kurze Gnadenfrist, bis die Geldmittel für den Abriß der Halle zur Verfügung stehen. An ihrer Stelle soll eine Grünanlage entstehen. Einen Aufbau der Markthalle V hält man nicht für zweckmäßig und lohnend überhaupt vertritt der Senat die Auffassung, daß es nicht mehr Aufgabe der Stadt sein könne, derartige Monster-Verkaufsstätten aus öffentlichen Mitteln zu errichten. Wenn es private Organisationen tun wollen — bitte sehr; in der Tat hat sich nach dem Kriege ein halbes Dutzend privater Markthallen in West Berlin aufgetan. Städtische Hallen aber sollen nicht mehr gebaut werden, mit zwei Ausnahmen: die geplante Zentralmarkthalle an der Beusselstraße (die als ausgesprochene Großhandelsstätte jedoch gewissermaßen außer Konkurrenz läuft) und die Blumenhalle an der Friedrichstraße, die man als unentbehrlich betrachtet und deshalb von einem unzureichenden Provisorium wieder in ein leistungsfähiges Zentrum des Blumengroßhandels verwandeln will. Nur noch fünf Hallen in West-Berlin von den einstigen 14 Berliner Markthallen haben nur acht, mehr oder oder weniger gerupft, den Krieg überstanden, da, von fünf in West-Berlin: die Halle X in Moabit, Arminiusstraße, mit 387 Ständen, die Halle IX in der Kreuzberger Eisenbahnstraße mit 295 Ständen, die Halle XI am Kreuzberger Marheinekeplatz mit 252 Ständen sowie die provisorische Blumenhalle an der Friedrichstraße, die statt 554 gegenwärtig nur 223 Stände beherbergt, und die der Spitzhacke geweihte Halle V am Marheinekeplatz, die einst 188 Ständen Obdach bot. Der Sowjetsektor benutzt noch die Markthallen am Alexanderplatz, in der Ackerstraße und die teilzerstörte in der Andreasstraße. Der einzige völlige Neuaufbau nach dem Kriege war die Halle am Marheinekeplatz, wo man 1953 ein nagelneues Gebäude aus Beton und Glas hinstellte, nachdem die Händler jahrelang in den weitläufigen Kellereien vegetiert hatten. Der Neubau kostete „nur" 700 000 Mark, weil man auf die vorhandenen Werte unter der Erde zurückgreifen konnte. Für die Vorgängerin dieser Halle hatte man — einschließlich der unterirdischen Anlagen — sechs Jahrzehnte zuvor 482 000 Mark aufgewandt. Dafür konnte man einen Bau aus hochwertigen Klinkersteinen hinstellen, der heute nach oberflächlichen Schätzungen mindestens zwei Millionen kosten würde. Als die Stadt Berlin vor nunmehr 70 Jahren im großen Stil mit dem Bau von Markthallen begann, beabsichtigte sie in erster Linie....

Der ganze Artikel in der Zeitungsansicht des ehemaligen Tagespiegelblatts.