Historisches Kreuzberg : Prinzenbad der Prinzenstraße

Von der Reinigungsanstalt zur größten Multikulti-WG Berlins: Das Prinzenbad war immer mehr als ein Schwimmbad. Eine Hommage zum 50. Geburtstag.

Der Schiedsrichter ist rücksichtsvoll. Er hat den Frühstart von Richard von Weizsäcker absichtlich übersehen. Der ehemalige Bundespräsident ist zwar als erster im Wasser, wird aber schnell von den anderen eingeholt. Am Ende der 50 Meter ist es der Turn-Olympiasieger Andreas Wecker, der das Wettschwimmen zur Saisoneröffnung gewinnt. „So furchtbar doll waren die Leistungen von uns allen nicht“, kommentiert von Weizsäcker das Wettschwimmen im Prinzenbad in Berlin- Kreuzberg aus dem Jahr 2000 heute. „Aber wir waren doch mit einem gewissen Ehrgeiz dabei. Der meinige ging allerdings etwas zu weit.“ So gesehen passt der Schwimm-Fan Richard von Weizsäcker gut zur Stamm- Klientel des beliebtesten Sommerbads der Stadt. Seine Gäste stehen schon vor der Tür, ehe das Bad morgens um sieben seine Pforten öffnet. Und jedes Mal gibt es einen Wettlauf, wer der Erste im Becken ist. Um sich einen Vorsprung zu sichern, ziehen sich die, die vorne in Schlange stehen, schon die Schuhe aus, knöpfen Hemden und Blusen auf – und das alles noch auf der Straße. Szenen einer Liebe. Ein Leben ohne ihr Prinzenbad können sich viele der Stammgäste nicht vorstellen. Anderswo könnte das wie eine Floskel klingen. Hier nicht. Wenn die Bäderbetriebe planen, die Saison schon Ende August zu beenden, schreibt niemand so viele Protestbriefe wie die Stammkundschaft des Prinzenbads. Das wird auch im Jubiläumsjahr so sein. Das Prinzenbad wird 50. Im Grunde genommen ist das Bad nichts besonderes. Schlimmer noch, es ist altmodisch. Zwei große Schwimmerbecken, ein Nichtschwimmerbecken, ein Plantschbecken. Aber kein Sprungturm, keine Riesenrutsche, keine Blubber-Becken und zu wenige Duschen und Toiletten. Das Prinzenbad, das offiziell „Sommerbad Kreuzberg“ heißt, aber von niemandem – inklusive des Vorstands der Berliner Bäderbetriebe – so genannt wird, ist alles andere als das, was neudeutsch Event- Location genannt wird. „Wir brauchen hier keine Attraktionen“ ,sagt Erhard Kraatz, der Badbetriebsleiter. Er ist der Boss, und nennt sich auch so. „Chef“ sei auch okay. „Schwimmmeister“ das Mindeste. Wenn ein Becken gesperrt ist, steht das auf einer Tafel am Eingang vermerkt In anderen Bädern würde es heißen: „Sehr geehrte Kunden, das Plantschbecken ist vorübergehend gesperrt. Wir bitten um Verständnis.“ Im Prinzenbad steht da: „Das Plantschbecken ist gesperrt. Der Boss.“ Das Prinzenbad musste noch nie um seine Gäste werben. Umgekehrt lassen sich diese durch nichts abschrecken. Übervolle Becken in den jeweiligen Jahrhundertsommern? Egal: die U-Bahn hält vor der Tür, mit dem Fahrrad ist es nicht weit. Die Toiletten und Duschen sind nach einem langen Tag versifft? Macht nichts, man hilft sich mit Badelatschen, und gängige Fußpilzcremes zeigen schnell Wirkung. Auf der Wiese haben sich malwieder rivalisierende Gangs von Arabern oder Türken eine Messerstecherei geliefert? Davon haben die Stammgäste in den Schwimmbecken oder auf der Terrasse gar nichts mitbekommen. So etwas absorbiert das Prinzenbad einfach. An der Kasse hängt seit der Auseinandersetzun gder Hinweis, das Waffen verboten seien und sporadisch Taschen kontrolliert würden. Die Zäune sollen mit Nato-Draht verstärkt werden. Doch selbst das wird keinen Stammgast vertreiben:„Wir haben was die Besucher zahlen angeht, keine Probleme“, erklärt Kraatz. Er ist seit 34 Jahren im Bad, und er sagt Sätze wie: „Wenn du mir das Bad schenken würdest, verklag’ ich dich wegen Körperverletzung.“ Gerade gestern hat er sich wieder aufgeregt: „Da hat mir eine Siebenjähiger gedroht, er würde mir die Eier abreißen.“ Die Reaktion: „Raus!“ Kraatz ist keiner, der lange fackelt. Es gibt Leute, die ärgert sein autoritärer Stil. Auch Rassismus hat man ihm schon vorgeworfen. Aber das stört Kraatz nicht. Andere Leute, Stammgäste vor allem, sind dankbar für seine klaren Ansprachen. Zum Beispiel die beiden korpulenten Damen am Beckenrand, deren Teint verrät, dass für sie immer Sommer ist. Sie sitzen oben ohne probieren gerade gegenseitig ihre neuen Büstenhalter aus...

Der ganze Artikel in der Zeitungsansicht des ehemaligen Tagespiegelblatts.