Oranienstraße : Die Reichsschuldnerverwaltung

entstand 1919-1924 nach einem Entwurf von German Bestelmeyer (1874-1942) als erster großer Behördenbau der Weimarer Republik. Die Zerstörung des Zweiten Weltkrieges wurden 1958 beseitigt, danach diente das Gebäude als Lagerhaus. Heute ist es Sitz der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen-Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Dieser Bau an der Ecke Alte Jakobstraße und Oranienstraße im Bezirk Kreuzberg hat seinerzeit Anlaß zu mancherlei (gutmütigem wie bösartigem) Gespött gegeben: Der erste Behördenbau der jungen Republik galt der Reichsschuldenverwaltung — einer Behörde jedoch, die damals — rechnet man ihre Vorgänger mit — immerhin schon rund hundeit Jahre bestand. In den Jahren 1919 bis 1924 wurde das Gebäude nach Grundrißplänen der Bauräte v. Bändel und Listmann errichtet, die künstlerische Gestaltung lag in den Händen des Münchener Architekten Professor German Bestelmeyer (dessen Namen man in München, vielleicht wegen seiner Bereitschaft, auf Bauherren- Wünsche einzugehen, gern auf der zweiten Silbe betonte: Bestell-Meyer). Ein ganz simpler, konventioneller Behördenbau, zweihüftig, mit vier Innenhöfen. Während der Bauzeit wurde häufig das Programm geändert; so eröffnete der Architekt durch ein neutrales, vertikal betontes System die Möglichkeit, den Bau beliebig zu erweitern oder zu verlängern. Manche Einzelheiten der Fassadenbehandlung (Backstein, sparsame Verwendung von Ornamenten und Bauplastik nach Modellen von Hugo Lederer, einem zu jener Zeit sehr bekannten Berliner Bildhauer) machen die Zeitbezogenheit deutlich. Doch verliert sich der Architekt nie in modischen Spielereien; die kompakte, straff gespannte Baumasse führt zu einer „monumentalen Schlichtheit" (so Heinz Johannes), entbehrt aber jeder unangemessenen Betonung, etwa durch ein überdimensioniertes Portal. Im Gegenteil: Die Eingänge sind so zurückhaltend angeordnet, daß man sie schier suchen muß. So ent- ! stand — trotz konventionellen Grundrisses, trotz Verwendung nur konventioneller Baustoffe und Gestaltungsmittel— in Berlin, der erste moderne Behördenbau. Der im Kriege beschädigte Bau wurde 1958 durch die Sondervermögens- und Bauverwaltung (jetzt: Bundesbaudirektion) wiederhergestellt, er dient jetzt provisorisch der Behala als Lagerhaus. Eine sicherlich höchst unrationelle Nutzung, darüber hinaus dem Bau keineswegs angemessen. Im Gespräch ist der — jüngst auch im Tagesspiegel dargelegte — Gedanke, diesen Bau für Zwecke des Kammergerichts, des Justizprüfungsamtes und des Justizverwaltungsamtes herzurichten — was dem Bau nicht nur besser anstünde als die jetzige Verlegenheitsnutzung, sondern auch diesem bisher vernachlässigten Teil unseres Stadtgefüges ein größeres Gewicht zukommen ließe.

Der ganze Artikel in der Zeitungsansicht des ehemaligen Tagespiegelblatts.