Der Tagesspiegel : Hitlergruß: "Gutartige Frotzeleien" - Potsdamer darf in England ungestraft als Nazi veralbert werden

Hendrik Bebber

Von einem Klischee fiel Klaus Burger ins andere. Der 49-jährige Potsdamer arbeitete in der englischen Grafschaft Kent als Busfahrer und gab nach zwei Jahren auf, weil er die antideutschen Frotzeleien seiner Kollegen nicht mehr ertragen konnte. In einem Arbeitsgerichtsprozess, den Burger angestrengt hatte, bezeichnete der Richter jedoch "Hitlergruß" und andere grobe Kriegsanspielungen jetzt "als gutartige Frotzeleien", die nicht als "rassische Diskriminierung" zu werten seien. Kollegen hätten sich über ihn jahrelang als "Herman the German" und Nazi lustig gemacht, hatte Burger geklagt. Sie hätten vor ihm mit gestrecktem Arm salutiert, wann immer sie ihn sahen. Burger lebt seit 1993 in Großbritannien. Nach der Nazikarikatur muss Burger nun das andere englische Zerrbild des "humorlosen Deutschen" hinnehmen.

Freilich haben viele Deutsche kein Verständnis für diese merkwürdige Variante des "britischen Humors". Die Engländer, die über die aberwitzigsten Auswüchse ihrer karikatur- und parodiebesessenen Medien nur lächeln, wundern sich, wie gekränkt die Deutschen darauf reagieren. Sie erinnern daran, dass solche Exzesse eher ein Zeichen von Vertrautheit sind. "Zu Fremden sind wir höflich, zu Freunden saugrob," meint Cyril Marshall, der als Dolmetscher der Royal Air Force im britisch besetzten Niedersachsen diente. Nach dem englischen Sprichwort "Vertrautheit gebiert Verachtung" wird zwischen Arbeitskollegen und Freunden im Pub so gefrotzelt, dass fremden Zuhörern die Haare zu Berge stehen. Das müssen besonders Schotten, Waliser und Iren erfahren, die auf das "Leg pulling" (wörtlich am Bein ziehen) freilich mit gleicher Münze zur allgemeinen Erheiterung zurückzahlen. Und wenn sich die Deutschen nach besonders infamen Ausfällen in der britischen Massenpresse beleidigt fühlen, sorgen sich die Franzosen, wenn die britischen Blätter einmal etwas Gutes über sie berichten.

Bei der Art und Weise wie britische Karikaturisten und Glossenschreiber mit ihren Politikern umspringen, würden in Deutschland die Staatsanwälte Überstunden einlegen. Margaret Thatcher war hingegen "amüsiert" über die Hitlerschnorre und die Hakenkreuzbinde, die sie ständig in der Satiresendung "Spitting Image" trug.

Hinter den "antideutschen Ausfällen" steckt freilich häufig krasse Unbildung und das herzliche Desinteresse gegenüber dem Ausland. Schweizer und Norweger kann man schlecht beleidigen, weil einem dazu überhaupt nichts einfällt. Dank der nicht abreißenden Serie von Kriegsfilmen in Kino und Fernsehen sind antideutsche Klischees jedoch immer präsent. 78 Prozent britischer Schulkinder antworteten in einer Meinungsumfrage, was ihnen spontan zu Deutschland in den Sinn kommt: Der "Weltkrieg" und über die Hälfte nannten "Hitler". Nur zwei Prozent erwähnten deutsche Erzeugnisse oder das Essen. Die Umfrage war von einer Firma in Auftrag gegeben worden, die englischen Schulen Faxgeräte spendet, damit die Schüler mit ihren Altersgenossen in anderen europäischen Schulen Gedanken austauschen können. Um die Vorurteile bei den jungen Briten abzubauen, müssen wohl noch etliche Kilometer Faxpapier verbraucht oder der Erdkundeunterricht verbessert werden. Die meisten Schüler bezeichneten Deutschland nicht nur als das "langweiligste" sondern sogar als das "ärmste" Land Europas. Die Vorstellungen von anderen europäischen Ländern sind freilich nicht präziser. "Frösche und Schnecken" waren für Frankreich und "Pizza und Spaghetti" für Italien die häufigsten Antworten, was ihnen zu diesen Ländern einfällt. Die Deutschen werden wohl noch lange mit den alten Klischees weiterleben. Über die unterschiedlichen Gefühlsebenen beider Völker bemerkte schon Königin Viktorias Coburger Prinzgemahl Albert: "Wenn ein Deutscher sentimental ist, dann weint er. Ein Brite geht in die Ecke und erschießt sich."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben