Der Tagesspiegel : Hochsaison für Holzrücker

Claus-Dieter Steyer

Mit zwei Stichworten verwirrt Egbert Schneider seine Gesprächspartner auf Anhieb: "Beruf Holzrücker" und "zu Hause in Grunewald". Letztere Angabe löst sich meist nach wenigen Worten auf. Sein Grunewald liegt nicht in Berlin, sondern im nördlichen Brandenburg zwischen Zehdenick und Templin. Zu Zeiten von Friedrich II. hatten in der Gegend viele neue Siedlungen die Namen Berliner Ortsteile erhalten, so dass die Ortsschilder "Schmargendorf", "Wilmersdorf", "Zehlendorf", "Britz" und eben "Grunewald" noch heute Erstaunen auslösen.

Schwieriger gestaltet sich die Erklärung des Berufes. Denn Egbert Schneider arbeitet als "Holzrücker" nicht in einer Tischlerei oder in einem Möbellager, sondern meist mitten im tiefen Wald. Dort rückt er dann mit seinen Pferden an, die gefällte Baumstämme bis zur nächsten Schneise oder auf einen nahe gelegenen Weg schleppen. "Gerade jetzt hat unsere Zunft die meiste Arbeit", sagt der kräftige Mann in einer kurzen Pause. "Immer mehr Förstereien fordern unsere Dienste an, um den Waldboden nicht unnötig zu beschädigen." Schwere Traktoren oder Lastzüge würden wertvolle Jungpflanzen zerstören und den Untergrund verdichten.

Nur eine Hand voll Männer üben in Brandenburg noch den Beruf des Holzrückers aus. Lange Zeit vom völligen Verschwinden bedroht, verschafft ihnen das vor einigen Jahren gestartete Umbauprogramm des Walds gesicherte Einkommen. Denn die bislang vorherrschende Kiefern-Monokultur soll dem Mischwald weichen, um nicht zuletzt in Trockenzeiten die Brandgefahr zu mindern.

"Wir können mit unseren Pferden tief in die Wälder vordringen und dabei den schonendsten Weg nehmen", erklärt der Holzrücker mit einem anerkennenden Klaps auf den 24-jährigen Ulli. Der aus Thüringen stammende Kaltblüter bringt 22 Zentner auf die Waage. Die Angabe erklärt die Leistungskraft des Tieres. "Was ein Pferd wiegt, das zieht es auch weg", erklärt Schneider eine Faustregel. Sein zweites Pferd, der 17-jährige Peter, transportiert demnach maximal 16 Zentner schwere Lasten aus dem Wald.

Bis zu drei Baumstämme binden die Holzarbeiter mit starken Ketten an das Pferdegeschirr. Meist geht es 40 bis 60 Meter weit aus dem Waldinneren bis zum nächsten Lagerplatz. Pro Tag kommt dadurch eine Wegstrecke von rund 25 Kilometern zustande. Wer so hart arbeiten muss, braucht auch reichlich Stärkung.

Ein Holzrücker-Pferd verschlingt pro Tag 50 bis 60 Pfund Hafer und 10 Pfund Schrot. Problemlos ziehen sie auch voll besetzte Kremserwagen durch die Schorfheide. Die Fahrten beginnen natürlich im kleinen Grunewald.

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