Hochschulen : Alle Studienplätze auf einen Blick

Die große Mehrheit der deutschen Hochschulen hat sich auf ein künftiges Vergabeverfahren geeinigt: Wie die neue ZVS funktionieren soll

Uwe Schlicht
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Überblick. Restplätze sollen ab 2011 zum 1. September zentral verlost werden.Foto: ddp

Der Numerus clausus wuchert. Von 12 298 Studiengängen in Deutschland sind 2846 Bachelorstudiengänge zulassungsbeschränkt. Hinzu kommen 4030 grundständige Studiengänge mit den alten Abschlüssen Diplom, Magister und Staatsexamen, die ebenfalls unter den NC fallen. So viele Zulassungsbeschränkungen wie heute hat es selbst 1977 nicht gegeben, als die Ministerpräsidenten große Angst vor einem ausufernden Numerus clausus hatten und damals die Hochschulen für den Andrang der geburtenstarken Jahrgänge öffneten.

In der jüngsten Broschüre zur Hochschulstatistik findet die HRK eine positive Formulierung: „Die Möglichkeit lokaler Zulassungsbeschränkungen nutzen die Hochschulen gerade bei den Bachelorstudiengängen, um in kleineren Lerngruppen neue Lehrkonzepte umzusetzen.“ Und weil das so ist, konnte die Hochschulrektorenkonferenz bisher den Politikern nicht garantieren, dass sich „alle Hochschulen“ an einem neuen Zulassungsverfahren mit bundesweitem Überblick beteiligen werden. Die Hochschulen, die vor wenigen Jahren ein Ende der Zwangszuweisung von Studienplätzen durch die ZVS, die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, gefordert hatten, wollten sich ihre neue Autonomie nicht nehmen lassen und erneut mit der ZVS kooperieren.

Erst vergangene Woche haben 92 Prozent der Hochschulen bekannt gegeben, sie wollten sich an der Einführung eines neuen Zulassungsverfahrens beteiligen. Von Bundestagsabgeordneten war eine verbindliche Zusage der HRK verlangt worden, „alle Hochschulen“ müssten sich beteiligen.

Die Dimensionen sind riesig. 350 000 Studienbewerber sind jeweils zum Wintersemester zu verkraften. Unter dem Druck der doppelten Jahrgänge an Abiturienten kann die Zahl der Studienanfänger für die Jahre 2011 bis 2015 auf über 400 000 steigen. Da nicht alle Studiengänge dem lokalen NC unterliegen, könnten vor jedem Wintersemester als dem wichtigsten Termin des Studienbeginns etwa 300 000 Bewerber um Studienplätze konkurrieren. So schätzt es Knut Nevermann ein, Staatssekretär in Sachsen und Verhandlungsführer der Länder in dem Streit über das neue Zulassungsverfahren.

Deswegen soll eine neue Software Abhilfe schaffen. Die Anforderungen daran definiert das Fraunhofer-Institut für Rechnerarchitektur und Software-Entwicklung in Berlin. Computerfirmen werden die Software erstellen und anschließend den Experten im Fraunhofer-Institut zur Begutachtung vorlegen. Sobald eine Firma für das beste Konzept den Zuschlag erhalten hat, soll die ZVS als Serviceeinrichtung die Software anwenden. Im Unterschied zu früher weist die ZVS aber nicht den Bewerbern an einzelnen Hochschulen die Studienplätze zu. Die Zulassungsentscheidung bleibt alleiniges Recht der Hochschulen. Die ZVS soll nur die Orientierung über Angebot und Nachfrage erleichtern.

Jeder Studierwillige soll zwölf Optionen haben, und zwar für mehrere Studiengänge wie auch für verschiedene Hochschulen. Wenn die Schüler im Frühjahr die Hochschulreife erhalten, können sie sich anschließend bis zum 15. Juli um einen Studienplatz an der Hochschule ihrer Wahl oder bei der ZVS bewerben.

Wegen der langen Entwicklungszeit kann das neue Zulassungsverfahren erst zum Wintersemester 2011/12 eingeführt werden. Bei der ZVS soll es dann den Generalüberblick über alle Studiengänge an den Hochschulen geben. Wenn ein Studienbewerber etwas Spezielles wissen möchte, wird er von dem zentralen Portal mit einem Link zu der Wunschhochschule vermittelt. Denn nach dem neuen Zulassungsrecht darf eine Hochschule für jeden Studiengang selbst festlegen, welche zusätzlichen Anforderungen außer dem Abiturnotendurchschnitt noch für die Bewerberauswahl gestellt werden: Das können Tests, Auswahlgespräche, vorherige Berufsausbildung oder besonders gewichtete Fächer in der Oberstufe sein.

Die ZVS prüft die Bewerbungsunterlagen auf ihre Echtheit und nennt anschließend den Hochschulen die Bewerber. Das erleichtert den Aufwand, weil die beglaubigten Dokumente nur einmal bei der ZVS eingereicht werden müssen. Die Hochschulen greifen auf die zentrale Bewerberdatei der ZVS zu und stellen für jedes Studienfach Ranglisten auf und stellen diese in den Computer. Bewerber können schon auf den Ranglisten erkennen, wie ihre Chancen stehen. Sobald die Hochschulen nach den Ranglisten entschieden haben, wird das dem Bewerber per Computer mitgeteilt. Bis spätestens zum 14. August müssen sich die Bewerber entscheiden. Nimmt der Bewerber ein Studienplatzangebot zum Beispiel an der Freien Universität Berlin an, scheidet er bei allen weiteren Bewerbungen in München, Köln, Hamburg oder sonst wo aus. Dadurch wird eine Vielzahl von Studienplätzen über Nacht wieder für die nächste Bewerberphase frei. Jetzt müssen die Bewerber von Anfang an ihre Prioritäten für die Wunschhochschule und den Studiengang angeben. Die Hochschulen übermitteln via Computer den übrig gebliebenen Schulabsolventen ihr Angebot und setzen ihnen geeignet erscheinenden Bewerbern eine mindestens dreitägige Frist bis zur Annahme oder Ablehnung bis zum 20. August.

Wer dann noch keinen freien Studienplatz gefunden hat, kommt in ein Clearing-Verfahren. Clearing heißt: Die Reste der freien Studienplätzen werden zum 1. September zentral bekannt gegeben und sollen verlost werden. Die Hochschulen müssen im Clearing-Verfahren nicht jeden akzeptieren. Bewerber, die die Hochschulen für ungeeignet halten, können auch noch im Clearing-Verfahren abgelehnt werden.

Von den Studenten sollten keine Gebühren verlangt werden, wenn sie das Bewerbungsportal der künftigen Servicestelle (ZVS) nutzen. Das verspricht die Kultusministerkonferenz heute. Ob das noch im Jahr 2010 so sein wird, muss man abwarten.

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