Hochschulen : GEW will links entlang

Die GEW ist gegen die „unternehmerische Uni“

Anja Kühne
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Die Uni ist kein Unternehmen. Die GEW will mehr Demokratie. Foto: picture-alliance

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert eine Abkehr von dem ihrer Meinung nach „dominanten Leitbild einer ,unternehmerischen Hochschule‘“. In ihrem neuen wissenschaftspolitischen Programm, das sie am Montag in Berlin mit Experten diskutierte, wendet sich die GEW gegen alle Maßnahmen, die ihr geeignet scheinen, den Zugang zur Hochschule einzugrenzen, die Demokratie in den Unis auszuhebeln.

Zum Beispiel Studiengebühren. Aus Sicht der GEW sind auch nachlaufende Studiengebühren wie in Hamburg, Langzeitgebühren mit Studienkonten wie in Rheinland-Pfalz oder Verwaltungsgebühren, wie sie überall erhoben werden, „abschreckend“ für „bildungsbenachteiligte Schichten“. Die GEW ist auch dagegen, dass die Hochschulen ihre Studierenden selbst auswählen können. Die Auswahl „erfolgt häufig willkürlich nach subjektiven und von Studiengang zu Studiengang unterschiedlichen Kriterien“, heißt es in dem Programm. Gleichzeitig entfalte sich „eine wenig seriöse kommerzielle Test- und Ratgeberindustrie“.

Die GEW möchte die Hochschulen noch weiter öffnen, als es die Kultusminister nach dem Bildungsgipfel bereits getan haben. Seit März sind Meister, Fachwirtinnen oder Techniker auch ohne Abitur beim Zugang zur Uni mit Abiturienten gleichgestellt. Die GEW will jetzt, dass die berufliche Bildung generell zur Studienberechtigung führt. Der Master soll allen Bachelorabsolventen offenstehen.

Die Grundfinanzierung von Hochschulen soll gegenüber der Projektförderung aus Drittmitteln wieder gestärkt werden. „Eine hierarchische Differenzierung in Elite- und Massenhochschulen“ lehnt die GEW ab. Der Bund müsse „für eine regional ausgewogene Hochschulfinanzierung in der Fläche“ sorgen.

In den Uni-Gremien soll die Professorenmehrheit gebrochen werden, wenn es nicht unmittelbar um Forschung und Lehre geht. Die GEW fordert auch die unter Bundesbildungsministerin Bulmahn bereits vom Bundesverfassungsgericht gekippte bundesgesetzliche Verankerung verfasster Studierendenschaften und das allgemeinpolitische Mandat.

Die Autonomie von Hochschulen darf nach Meinung der GEW nicht dazu führen, dass sich der Staat aus seiner Verantwortung stiehlt. „Über Hochschulräte nehmen demokratisch nicht legitimierte Vertreterinnen und Vertreter von Unternehmerinteressen übermäßig starken Einfluss“, heißt es in dem Programm. Die GEW wünscht sich Kuratorien zurück, in denen Repräsentanten gesellschaftlicher Gruppen, etwa von Gewerkschaften, Arbeitgebern oder Religionsgemeinschaften, vertreten sind.

Das Papier zeigt die Handschrift von Andreas Keller, der den Vorstandsbereich Hochschule und Forschung der Gewerkschaft leitet und sich in der Linken engagiert. Frank Ziegele, Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das das Leitbild der „unternehmerischen Hochschule“ in den neunziger Jahren entworfen hat, wehrte sich gegen eine „überzeichnete Darstellung“ durch die GEW: „Gewerbliche Unternehmen als Vorbild für Hochschulen – das will ich nicht“, sagte er.

In der Tat habe der Staat in Zeiten der autonomen Hochschule seine Rolle noch nicht gefunden, es fehle an einem „Leitbild für Ministerien neuen Typs“. Allerdings hätten sich die neuen Hochschulräte bewährt. Wenn ein Uni-Präsident sowohl durch Mitglieder des Akademischen Senats als auch durch den Hochschulrat gewählt werde, gewinne er auch „Unabhängigkeit nach innen“. Gegen die Basis könne eine Hochschulleitung auch unter diesen neuen Bedingungen nicht regieren, wie das Beispiel der Hamburger Präsidentin Monika Auweter-Kurtz zeige. Für die Mitwirkung der Studierenden gebe es wirksamere Instrumente als die Viertelparität in den Gremien, sagte Ziegele, etwa ihre Mitwirkung im Hochschulrat und im Fakultätsrat. Auch Rolf Dobischat, der Präsident des Deutschen Studentenwerks, will nicht zurück zur alten Gruppenuniversität. Die Entscheidungswege seien damals einfach zu lang gewesen. „Top down“ dürfe eine Hochschule aber nicht geleitet werden.

Auf Widerspruch stieß auch der Wunsch der GEW, die Studierendenauswahl abzuschaffen. Zwar müsse der NC überwunden werden, sagte Ziegele. Allerdings seien „rationale Auswahlkriterien“ auch dann noch sinnvoll. „Sonst kann man es machen wie in Österreich: Man lässt alle rein und prüft sie nach zwei Semestern wieder raus.“ Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), nannte die Kritik der GEW, die Auswahlkriterien seien willkürlich, „nun wirklich polemisch“.

Ziegele empfahl der GEW, stärker auf die „Rationalität der Hochschulen“ abzuheben. So sei es kaum möglich, sie zu mehr Angeboten in der Weiterbildung zu motivieren, wenn diese Kurse den Professoren nicht auf ihr Lehrdeputat angerechnet würden. Das CHE beziffert den zusätzlichen jährlichen Bedarf der Hochschulen abgesehen vom Hochschulpakt II zwischen 2011 und 2015 auf 1,8 Milliarden Euro. Anja Kühne

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