Hochschulen : Was den Unis fehlt

Minister beschließen Maßnahmen für Qualität, besseren Service und mehr Studienplätze. Zuerst muß jedoch der Akkreditierungsstau aufgelöst werden.

Hochschulen sollen Gütesiegel künftig nicht mehr nur für jeden einzelnen neuen Bachelor- oder Masterstudiengang beantragen müssen. Ab 2008 soll es auch möglich sein, statt dessen das Qualitätsmanagement der gesamten Einrichtung prüfen zu lassen. Das wollten die Kultusminister bei ihrem Treffen am Donnerstag in Berlin beschließen. Bis zum Redaktionsschluss stand die Entscheidung noch nicht fest. Die Länder hatten sich aber im Vorfeld auf eine entsprechende Beschlussvorlage geeinigt.

Ziel ist es, den bestehenden Akkreditierungsstau aufzulösen. Erst 30 Prozent der insgesamt über 6000 neuen Studiengänge sind mit einem Gütesiegel einer Akkreditierungsagentur versehen. Mehr als die Hälfte der Akkreditierungen wurden mit Auflagen ausgesprochen, aber nur 30 Studiengängen wurde das Siegel versagt.

Die Hochschulen meiden den Aufwand und die Kosten für die oft langwierige Akkreditierung. Das heißt aber, dass die neuen Studiengänge überwiegend angelaufen sind, ohne dass ihr Programm vorher von Experten beurteilt wurde. Dieses Problem soll nun gelöst werden, indem speziell dafür zugelassene Akkreditierungsagenturen ganze Einrichtungen, in Ausnahmefällen auch Teilbereiche, für deren Qualitätsmanagement zertifizieren – auch nach stichprobenartiger Überprüfung einzelner Studiengänge.

Diesen für sechs Jahre akkreditierten Hochschulen würde dann unterstellt, dass sie aufgrund ihres Systems der Qualitätssicherung in der Lage sind, hochwertige Studiengänge aufzulegen. Sie könnten deshalb auf die Überprüfung jedes einzelnen Studiengangs verzichten. Damit werde die „Eigenverantwortung“ der Hochschulen stärker berücksichtigt, hatte der Akkreditierungsrat in seinen Empfehlungen vom Mai festgestellt.

Im Rat selbst gibt es aber auch Kritiker. Bei der Systemakkreditierung gehe es mehr um Verfahren des Hochschulmanagements anstatt um die inhaltliche Studienreform. Diese sei aber das Anliegen der Studierenden und der Wirtschaft, schreiben zwei Mitglieder des Akkreditierungsrats in einer Stellungnahme. Mit der Systemakkreditierung könnten gerade diejenigen Hochschulen belohnt werden, die sich bislang vor der Akkreditierung gedrückt hätten. Diese „Drückeberger“ könnten dann „billig“ an denen vorbeiziehen, die bereits viel Zeit und Geld in die Reform investiert haben – soweit die erhoffte Verringerung der Kosten und des Aufwands überhaupt eintreten werde. Um das jetzige Verfahren der Programmakkreditierung zu verbessern, könne eine Bündelung von Studiengängen bei der Prüfung erwogen werden.

Die Kultusminister wollten sich gestern auch auf einen neuen Staatsvertrag zur ZVS einigen, der dann noch von den Ministerpräsidenten unterzeichnet werden muss. Bisher war die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) allein für Fächer mit einem bundesweiten Numerus Clausus zuständig. Jetzt soll sie Hochschulen auch bei der Studierendenauswahl für Fächer mit einem hochschulinternen NC unterstützen. Dafür richtet die ZVS im Internet ein Portal ein, auf dem sich Bewerber für Fächer an mehreren Unis bewerben können. Die ZVS koordiniert dann die Bewerbungen für die Unis. So soll verhindert werden, dass Studienplätze aufgrund der steigenden Zahl von Mehrfachbewerbungen auch in stark nachgefragten Fächern frei bleiben. Die neue ZVS wird als Stiftung von Ländern und Hochschulen finanziell getragen. Die HRK hat angemahnt, dass die Kosten 20 Euro pro Bewerbung nicht übersteigen dürfen.

Um die Finanzierung zusätzlicher Studienplätze geht es beim Hochschulpakt 2020, auf den sich die Ministerpräsidenten der Länder am Donnerstag in Berlin abschließend geeinigt haben. Bund und Länder hatten bereits 2006 vereinbart, bis 2010 zunächst rund 90 000 neue Plätze für Studienanfänger zu schaffen. Der Bund will sich mit 565 Millionen Euro an dem Programm beteiligen, der gleiche Betrag kommt von den Ländern.

Allerdings zahlen nur die Flächenstaaten im Westen. Die ostdeutschen Länder sowie die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen dagegen erhalten Zahlungen aus dem Bund-Länder-Topf, damit sie die Zahl ihrer Studienplätze auf dem Stand von 2005 halten können. Die ostdeutschen Länder leiden unter dem demographischen Wandel und werden mit einer Vorabzahlung von 15 Prozent der Mittel unterstützt, damit sie trotz zurückgehender Bewerberzahlen keine Studienplätze abbauen. Die dortigen Hochschulen sollen den erwarteten Studentenandrang aus dem Westen teilweise auffangen. Die als Studienorte beliebten Stadtstaaten bieten über den Bedarf für die Landeskinder hinaus Studienplätze an und sollen mit 3,5 bis 4 Prozent der Mittel in die Lage versetzt werden, dies weiterhin zu leisten. Berlin erhält 22,6 Millionen Euro, um jährlich 19 500 Studienanfängerplätze bereitzustellen. Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist der Hochschulpakt „bestenfalls ein erster Schritt; er sei „unterfinanziert und mit Risiken behaftet“. Jetzt müsse sofort über die zweite Phase bis 2020 verhandelt werden.

Die Forschung an den Universitäten unterstützt der Bund mit dem Pakt zusätzlich mit 700 Millionen Euro für einen Einstieg in die „Vollkostenfinanzierung“. Die Hochschulen erhalten auf eingeworbene Forschungsgelder, die ihnen die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) überweist, einen Zuschlag von 20 Prozent für Sachkosten wie Miete und Energie. Berlin erwartet aus diesem Teil des Hochschulpakts 63 Millionen Euro bis 2010.

Die Ministerpräsidenten wollten auch die Einrichtung der „Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz“ entscheiden, die noch in diesem Jahr die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) ersetzen soll. Weil die Bildungsplanung seit der 2006 beschlossenen Förderalismusreform Ländersache ist, müssen sich Bund und Länder künftig nur noch über die Forschungsförderung abstimmen. Dies soll in der neuen Wissenschaftskonferenz geschehen, deren Gründung aber Ende 2006 an einem Länderstreit über ihre Kompetenzen und ihren Sitz scheiterte. Zur gestrigen Sitzung hatten Nordrhein-Westfalen und Berlin vorgeschlagen, dass die Wissenschaftskonferenz wie auch schon die BLK in Bonn sitzen solle. (akü, tiw, -ry)