Der Tagesspiegel : Hooligans: Ein Scheck gegen feindliche Energien

Claus-Dieter Steyer

"Eine Mannschaft ohne Fans ist wie eine Kneipe ohne Bier." Dieser Spruch eines Anhängers des Fußball-Bundesligisten FC Energie Cottbus gefiel Ministerpräsident Manfred Stolpe gestern so gut, dass er ihn anschließend gleich vor laufenden Kameras wiederholte. Er sei froh, dass es in Cottbus eine Anlaufstelle für alle Freunde des Clubs gebe, sagte er bei einem Gespräch in der Geschäftsstelle des "Fan-Projektes". Über diese Gruppe - in der Lausitz organisiert vom Verein Jugendhilfe - könnten schließlich auch zu den sonst kaum erreichbaren Jugendlichen Kontakte geknüpft werden. Konkret gehe es um gewaltbereite und fremdenfeindlich eingestellte Personen. Damit die Arbeit der Geschäftsstelle professioneller als bisher sein kann, übergab Stolpe einen Scheck über 40 000 Mark aus dem Budget des Programms "Tolerantes Brandenburg".

Die Idee zu solchen Fan-Projekten in Deutschland war 1993 nach der Häufung vom Gewaltexzessen innerhalb und außerhalb von Stadien geboren worden. Der Deutsche Fußballbund, Ministerien und Polizei wollten damit mehr Einfluss auf die Anhänger gewinnen. In Cottbus wurde so eine Geschäftsstelle vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Sie organisiert Fahrten zu Auswärtsspielen, veranstaltet Treffen mit dem Clubpräsidien und stellt Konktakte mit den Spielern her. Vor allem aber will sie gegen die oft unbegründete Aggressionsbereitschaft bestimmter Fans vorgehen. Dass auch Cottbus in dieser Hinsicht keine Insel der Harmlosigkeit darstellt, zeigen die gegen 69 Anhänger wegen Gewaltaktionen oder Sachbeschädigungen ausgesprochenen Stadionverbote. Bundesweit war der Verein im Vorjahr durch die Demolierung eines Eisenbahnwaggons vor einem Auswärtsspiel in Bochum und die Klagen eines afrikanischen Spielers über Pöbeleien vor Diskotheken negativ in die Schlagzeilen gekommen.

Das Thema Fremdenfeindlichkeit dürfte aber zumindest im Cottbuser Stadion in dieser Saison abgehakt sein. Denn die Mannschaft will das Abenteuer der ersten Bundesliga mit 14 Ausländern bestehen. "Wir stehen dazu", sagte Energie-Anhänger Torsten Heiden. "Nur auswärts werden wir deshalb verhöhnt." Irgendwann könnte sich das gute Verhältnis zu den Spielern aus aller Welt aber ins Gegenteil umkehren, warf ein anderer junger Mann ein. "Wir wollen doch auch mal Deutschen zujubeln. Die Ausländer nehmen denen aber die Plätze weg."

Nun kochten die Emotionen doch etwas hoch. "Gute deutsche Spieler kann der Verein doch gar nicht bezahlen", behauptete ein kurzgeschorener Jugendlicher. "Stars aus dem Westen winken beim Namen Cottbus gleich ab. Denen ist der Stress im Osten schon wegen der Fahrerei zu groß." Irgendwann, so seine Folgerung, würden auch die Ausländer in der Mannschaft mehr Geld verlangen und deshalb den Club verlassen. Der Nachwuchs sei so wie in ganz Deutschland eben auch in Cottbus vernachlässigt worden. "Wenn sich wirklich mal ein Talent zeige, werde es mit Sicherheit von einem Dorfverein weggekauft", schilderte ein Fachmann aus dem Verein ein Beispiel aus der jüngsten Zeit. Cottbus habe dem jungen Spieler 600 Mark monatlich geboten, der Verein der Kreisliga dank eines Spenders gleich 2000 Mark.

Stolpe registrierte die Sorgen der Fans aufmerksam und versprach Hilfe bei der überregionalen Sponsorensuche. "Das ganze Land kümmert sich schließlich jetzt um das Schicksal des Vereins", sagte der Regierungschef. Konkret brachte das Gespräch in der Geschäftsstelle am Ende neben dem 40 000-Mark-Scheck vor allem die Verabredung zu einem Treffen zwischen den Fans und der neuen Initiative "Cottbuser Aufbruch - für ein gewaltfreies und tolerantes Miteinander". Hier sollen gemeinsame Aktionen beraten werden, wenn auch den Cottbuser Anhängern derzeit der Tabellenplatz ihrer Mannschaft viel größere Sorgen zu bereiten scheinen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben