Humboldt-Forum : Zeitgeist im Erdgeschoss

Wie soll das Humboldt-Forum im Stadtschloss eigentlich aussehen? Eine Diskussion in Berlin.

Falk Jaeger
Kulturen der Welt:
Kulturen der Welt: Naturforscher Alexander von Humboldt am Orinoko.Foto: picture-alliance/akg-images

Plötzlich soll alles ganz schnell gehen. Seit Bauminister Tiefensee dem Schlossbauvorhaben die entscheidende Wende gegeben hat, indem er kurzerhand das Bauvolumen zusammenstrich und damit auch die prognostizierten Baukosten auf ein weniger abschreckendes Niveau senkte, wobei er gleichzeitig alle Vorschläge privater Nutzungen vom Tisch wischte, zeigen sich die potenziellen Nutzer elektrisiert. Denn sie haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Nun gilt es, die „geniale Idee Klaus-Dieter Lehmanns“ (Volker Hassemer), im wieder aufgebauten Schloss ein Humboldt-Forum unterzubringen, hastig in konkrete Formen zu gießen. Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hatte damit die lang ersehnte, hochkarätige öffentliche Nutzung gefunden, die diesem bedeutenden Ort angemessen scheint.

Doch was soll man sich unter einem Humboldt-Forum vorstellen? Diese Frage wollte in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Initiative Humboldt-Forum in einem zweitägigen Symposium „Humboldt-Gespräche “ diskutieren. Die Initiative sowie die Stiftung Zukunft Berlin und die Bundeszentrale für Politische Bildung als Mitveranstalter boten zum abschließenden Podiumsgespräch alles auf, was über Humboldt mitreden will, die Chefs der Museen, Universitäten und Akademien.

Warum überhaupt Humboldt? Warum zwei Geistesgrößen, die bereits anderthalb Jahrhunderte tot sind? Alle Protagonisten sind sich einig: Es waren die Gebrüder Humboldt, die mit ihrem Wissenschaftsbegriff und ihrer Weltoffenheit ein neues Weltverständnis ermöglichten. Die neue Perspektiven eröffneten in andere Kulturen und andere Naturräume, die in der Reflexion auch eine neue Interpretation der eigenen, der Alten Welt erzwangen. Vor einem solchen Paradigmenwechsel stehen wir heute in der Epoche der Globalisierung wieder, wo es gilt, den Eurozentrismus zu überwinden und gleichzeitig sich der eigenen Wurzeln zu vergewissern, die ja durchaus auch jenseits der Grenzen Europas Richtung Nahost zu finden sind.

Zur inhaltlichen Orientierung, die zwingend den Blick nach anderen Kontinenten gebietet, weshalb die bislang in Dahlem beheimateten Sammlungen der außereuropäischen Kunst einbezogen werden sollen, kommt die methodische und didaktische Komponente Wilhelm von Humboldts. Sie setzt eine Gesamtsicht der Welt voraus, eine Vernetzung der Wissenschaften und des Menschheitswissens.

Zu den Objekten aus den Museen kommen die Objekte aus den botanischen, geologischen und medizinischen Sammlungen der Universitäten. Und zur Anschauung kommt das Wissen um die fernen Regionen, die Kulturen, die Religionen, politischen Systeme und Gesellschaften aus den Universitäten. Die Universitäten sollen ihr Wissen zugänglich machen, sich einer breiten Öffentlichkeit präsentieren.

So weit, so gut. Doch was geschieht im Humboldt-Forum anderes bei der „Langen Nacht der Museen“ oder im Haus der Kulturen der Welt? Zu letzterem heißt es, es müsse eng an das Humboldt-Forum angebunden werden, doch hätten seine Aktivitäten zu sehr kurzfristigen Ereignischarakter. Hehre Worte waren auf dem Podium zu hören. Nele Hertling (Akademie der Künste) verwies darauf, dass diese Art des transnationalen Zusammenkommens in der Kunst ohnehin gang und gäbe sei. Günter Stock von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bot sein Postdoc-Humboldtkolleg an und den bewährten Sophie-Charlotte-Salon, blieb aber mit seinem Credo „verstehen, annehmen und mitgestalten der Globalisierung“ im Unverbindlichen.

„Ich will nicht zu konkret werden heute“. Die Aussage des Präsidenten der Freien Universität, Dieter Lenzen, galt für die gesamte Diskussion, bis endlich Klaus-Dieter Lehmann konkreter wurde und seine Konzeption erläuterte, die er sogar schon in Stockwerke aufgeteilt hat und die wohl dem Architektenwettbewerb zu Grunde gelegt werden dürfte. Film, Theater und Musik möchte er im Untergeschoss ansiedeln, während im Erdgeschoss eine Agora Platz fände, ein Veranstaltungsort, ein Ort für Wechselausstellungen und zur Reflexion des Zeitgeschehens.

„Textkultur“ soll im ersten Obergeschoss anzutreffen sein, also zum Beispiel die rudimentären Reste der Zentral- und Landesbibliothek, für die im Kompetenz- und Finanzgerangel nur noch 5 000 Quadratmeter Fläche abfällt (bei ursprünglich geplanten 50 000), ergänzt durch Forschung, Kollegien und andere universitätsnahe Nutzungen.

Zwei Geschosse für die Kontinente folgen, in denen die Museen für Kunst und Ethnologie der außereuropäischen Kulturen präsent sind, ergänzt durch „Inseln“ der Literatur und der Musik. Zuoberst soll es, sozusagen als Quintessenz des Unterbaus, einen kommunikativen Bereich für die Wechselbeziehungen, für übergreifende Aktivitäten, für die Humboldtsche Gesamtsicht der Dinge geben. Lehmann nennt als Beispiele Themen wie Tropen, Megastädte, Weltreligionen, Migration usw.

Ungeklärt bleibt die Organisationsform des Forums. Wer bringt die zahlreichen Institutionen zusammen, wer erstellt Programme, wer organisiert die Aktivitäten, wer findet die Fachleute, die man für derlei anspruchsvolle und aufwändige Vorhaben benötigt? Lehmann, erfahrener Praktiker, legt den Finger in eine weitere Wunde und fragt nach den Einrichtungs- und Betriebskosten. Unangenehme Fragen, denen sich die Verantwortlichen bei Bund und Senat noch nicht gestellt zu haben scheinen.

Ein Eindruck hat sich auch bei diesem Symposium verfestigt: Der Berliner Senat ist außen vor, die Maschinerie läuft ohne ihn. Bund und Preußenstiftung nutzen die Situation, um die Programmatik selbst zu bestimmen. André Schmitz, dem Staatssekretär für Kultur des Berliner Senats, bleibt nur die Aufgabe, für das Gesamtprojekt mit flammenden Worten tapfer zu werben. Das macht er denn auch recht ordentlich.