Der Tagesspiegel : Hunderte Menschen bei Trauerfeier für Regine Hildebrandt

Claus-Dieter Steyer

Strömender Regen und kalter Wind störten die Hunderten von Trauernden nicht. Still und ernst verfolgten sie gestern auf dem Alten Markt in Potsdam der Übertragung der offiziellen Trauerfeier für Regine Hildebrandt. In der Nikolaikirche hatten nur 300 Bürger Einlass gefunden. Etwa 700 Plätze waren für die Familie, enge Freunde und die vielen Ehrengäste reserviert. Der Ehemann, die Kinder, die Schwiegereltern, die Enkelkinder und andere Verwandte erhielten Trost unter anderem von Bundeskanzler Gerhard Schröder, Ministerpräsident Manfred Stolpe, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, sowie Potsdams Oberbürgermeister, Matthias Platzeck. Bundespräsident Johannes Rau schickte einen Kranz, da er sich selbst derzeit im Ausland aufhält.

Den Platz für die offizielle Trauerfeier hatte die Verstorbene wenige Tage vor ihrem Tod selbst bestimmt. Ebenso wollte sie im engsten Familien- und Freundeskreis in ihrem Heimatort Woltersdorf beigesetzt werden. Seit 1996 lebte die in der vergangenen Woche im Alter von 60 Jahren verstorbene frührere Brandenburger Sozialministerin in einem Vier-Generationen-Haus am östlichen Berliner Stadtrand. Am Montag hatte sie im Familiengrab ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Ein großes Porträt mit Trauerflor bestimmte den Eingang zur Nikolaikirche. Davor legten zahlreiche Gäste ihre Blumen und Kränze ab. Meist verharrten sie längere Zeit in Stille, viele schlossen die Augen und trockneten hinterher die Tränen. Auffallend viele ältere und kranke Menschen fanden den Weg zur Trauerfeier. "So einen Menschen wird es wohl so schnell nicht wieder geben", sagte Erich Schuster aus der Spreeewald-Stadt Lübben. "Sie hat etwas Einmaliges geschafft, nämlich uns Ostdeutsche im gemeinsamen Land aufgewertet." Ähnlich äußerte sich Erika Jobst aus Werder. "Vor allem ihre Ehrlichkeit bleibt in Erinnerung. Sie setzte sich für den kleinen Mann auf der Straße ein und schob so viele Sozial- und Arbeitsprogramme an." Viele Vertreter von Behindertenverbänden und ABM-Gesellschaften drückten auf Kränzen und in Kondolenzschreiben ihre Dankbarkeit aus.

Auch in der Nikolaikirche schämten sich die Gäste ihrer Tränen nicht. Dabei hatte Regine Hildebrandt einmal gesagt, dass auf einer Trauerfeier für sie nicht nur geweint werden solle. Doch es fiel sichtlich schwer, gerade in einer solchen Stunde an ihren Humor oder an ihre Schlagfertigkeit zu denken. Oberbürgermeister Platzeck fasste ihr Leben unter einer Überschrift zusammen: "Der Sinn des Lebens liegt im Miteinander." Dabei habe sie nicht nur stets ihre eigene Meinung zu vertreten versucht, sondern immer auch "alle Antennen" zum Zuhören ausgefahren.

Nicht nur die unvergesslichen Auftritte als Politikerin wurden gestern noch einmal wach. Heide Simonis, Regierungschefin in Schleswig-Holstein, erzählte von Regine Hildebrandts Engagement für die Familie. Das sei für sie ein nicht zu ersetzender Kraftquell gewesen. "Sie hat mich ermuntert, Kinder zu bekommen", sagte Simonis. "Den zarten Hinweis auf mein Alter, wollte sie nicht gelten lassen. Nicht schien Regine Hildebrandt unmöglich." Für einen Moment stellte sich in diesem Moment sogar ein Schmunzeln auf vielen Gesichtern ein.

Bundeskanzler Schröder verbarg ebenso wie Ministerpräsdient Stolpe seine tiefe Trauer nicht, als er mehrfach in seiner vorbereiteten Rede stockte. Die Tote sei eben eine "außergewöhnliche, einmalige Frau" gewesen. "Die hinterlassene Lücke ist nicht zu schließen", sagte Schröder.

So still wie die Menschen gekommen waren, verließen sie nach der Trauerfeier die Nikolaikirche und den Alten Markt.

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