Der Tagesspiegel : Hupen, Winken und zehn Euro für die „Mütter gegen den Krieg“

Am Sonntag wollen die Teilnehmerinnen der Eisenhüttenstädter Friedensstafette in Berlin sein

Stefan Jacobs

Frankfurt (Oder). Das Radio hatte für den Freitag Sonne versprochen, und nun stehen Brigitte Grimm und ein Dutzend andere Frauen auf dem leeren Frankfurter Rathausplatz im kalten Nebel. Gestern auf der ersten Etappe ihrer „Friedensstafette Eisenhüttenstadt-Berlin" haben sie noch geschwitzt. Jetzt wärmen sie sich an dem Gedanken, heute wieder die Landstraßen entlang zu laufen statt zu Hause tatenlos die Kriegsnachrichten zu verfolgen. Heute Abend wollen sie im gut 30 Kilometer entfernten Fürstenwalde ankommen. Und Sonntag an der US-Botschaft in Berlin.

„Mütter gegen den Krieg" nennt sich die Initiative, die es auch in anderen Städten gibt und die bei diesem Krieg damit begann, dass Brigitte Grimm, Lehrerin im Ruhestand, ihre einstige Kollegin Friedrun Köhn anrief und zum Marsch nach Berlin überredete. Das war am Montag. Am Donnerstag sind sie in Eisenhüttenstadt gestartet, haben sich abends nach Hause fahren lassen und heute früh wieder nach Frankfurt.

Zwei etwa 15-jährige Schüler kommen über den Rathausplatz geradelt. Sie wollen ein Stück mitkommen. Brigitte Grimm, gestählt durch 35 Jahre Berufserfahrung, lässt sich die Erlaubnis der Eltern aushändigen und belehrt die Gruppe über das Verhalten unterwegs: möglichst Fuß- und Radwege benutzen, ansonsten unbedingt links hintereinander laufen. So hat es die Polizei angeordnet, der diese Demonstration allerdings kein Begleitfahrzeug wert ist.

Einige der Frauen gehen zu ihren Autos, von denen aus sie Verpflegung, Unterschriftensammlung und den Transport ermüdeter Teilnehmerinnen organisieren. Die anderen marschieren mit geschulterter Papp-Friedenstaube los. Die Passanten schauen überrascht; manche bleiben stehen, einzelne grüßen. „Jut, wat ihr hier macht!", ruft ein Mann. Mit jedem Meter Richtung Stadtrand wird die Straße leerer. Ein aus dem Fenster eines Plattenbaus lehnender Jungnationaler höhnt Unverständliches, Autofahrer recken die Hälse, lächeln, fahren weiter. Friedrun Köhn sagt: „Mein Vorname passt gut zu dieser Aktion". Die zweite Ex-Lehrerin ist gut trainiert und geht vorneweg. „Die Reaktion der Leute gestern war wirklich schön. Ganz oft haben Autofahrer gehupt und uns gewunken. Und als wir in Frankfurt ankamen, haben die Stadtverordneten ihre Sitzung unterbrochen, um uns zu begrüßen." Eine Frau berichtet von einer alten Dame, die spontan zehn Euro zückte: „Kauft euch ein Eis!"

Die Bebauung entlang der Straße geht von verfallenen Altbauten in Industriebrachen über, später kommen die Autohändler und Baumärkte. Dann hört der Fußweg auf, die Straße heißt jetzt „Berliner Chaussee" - oder „B 5" für die Autofahrer. An manchen Bäumen hängen Holzkreuze, die Äcker links und rechts der Allee verlieren sich im Nebel. Aber den Frauen ist warm geworden auf den ersten fünf Kilometern, auch wenn sie ein wenig enttäuscht sind. Die meisten Autofahrer bremsen nur erschrocken oder sind längst vorbeigerauscht, bevor sie das Transparent lesen konnten. Die acht verbliebenen Frauen halten sich mit Geschichten aus dem Film „Good bye Lenin!" bei Laune, während Brigitte Grimm den weiteren Verlauf des Marsches erläutert: Ankunft in Fürstenwalde, Mahnwache, zurück im Auto. Am Sonnabend zu Fuß nach Erkner, wobei ein früher Start die Chance auf ein Mittagessen bei einem karitativen Verein in Hangelsberg böte. Die Einladung haben sie gerade bekommen.

Noch sechs Stunden bis Fürstenwalde, knapp drei Tage bis Berlin.

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