Der Tagesspiegel : Ich krieg Pickel!

01.09.2008 00:00 Uhr

Ein rotes Pünktchen im Gesicht – das hat jeder mal. Eine schwere Akne sollte jedoch behandelt werden. Denn Jugendliche, die daran leiden, können Narben davontragen – an Haut und Seele

Fast jeder hat sie. Und jeder, der sie hat, hasst sie: Pickel. In harmlosen Fällen sind das wenig dekorative Hörnchen auf der Stirn oder Pünktchen auf der Nase. Doch bei vielen Menschen ist die Haut großflächig von Unebenheiten durchsetzt. Sie haben Akne, die weltweit häufigste Hauterkrankung. Sie ist hormonell bedingt und zum Teil erblich. Meist treten die Symptome erstmals zu Beginn der Pubertät auf. Die Akne kann sich vom Gesicht bis zu Brust, Schultern und Rücken ausbreiten und mit schmerzhaften Entzündungen einhergehen.

Noch vor wenigen Jahren gab es für die betroffenen Jugendlichen außer einigen nur bedingt wirksamen Medikamenten, vielen teuren „Wundermitteln“ und etlichen Ratschlägen („Wasch dich einfach öfter!“ oder „Iss keine Schokolade!“) kaum Hilfe.

Das ist heute anders.

Ein Rat stimmt allerdings wirklich: Herumdrücken schadet. Die Entzündungen werden dadurch tiefer in die Haut gebracht. „Finger weg von den Pickeln!“, rät deshalb auch Berthold Rzany, Professor für Dermatologie an der Charité.

Die häufigste Form ist die Acne vulgaris, die typische Pubertätsakne mit Komedonen – das sind Mitesser, Pickel und Pusteln. Doch es gibt noch weitere Arten, sagt Andrea Küchler, Dermatologin am Hautzentrum Berlin-Mitte: „Grob unterscheiden wir die leichte Acne comedonica, die von Mitessern geprägt ist, von der Acne vulgaris und der Acne conglobata, bei der schmerzhafte Fisteln und Knoten entstehen. Dazu kommt die Acne inversa, bei der sich im Achsel- und Genitalbereich tiefliegende Knoten bilden.“ Die Inversa ist schwer behandelbar: Oft wird sie nicht erkannt, und wenn, dann sind zuweilen sogar Operationen notwendig.

Weitere Formen sind die Mallorca-Akne, die durch das Zusammenspiel von Sonneneinstrahlung und fetthaltigen Kosmetika hervorgerufen wird, die Acne venenata, die im Kontakt mit Chlor, Öl und Teer entsteht sowie die Acne tarda, die Spätakne, die auch noch weit bis ins dritte und vierte Lebensjahrzehnt hinein auftritt. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Form zunimmt, doch niemand weiß genau, warum. Fest steht: Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

„Eine mögliche Erklärung ist, dass der Stress, dem viele Frauen mit der Doppelbelastung in Beruf und Familie ausgesetzt sind, zu einem erhöhten Androgenspiegel, also mehr männlichen Hormonen im Blut, führt“, sagt Tanja Fischer, ärztliche Leiterin des Haut- und Lasercentrums Potsdam. Der veränderte Hormonhaushalt beeinflusst die Talgproduktion und damit das Entstehen von Akne.

Wie sich eine Akne bildet, ist gut erforscht. Hormonell bedingt vergrößern sich die Talgdrüsen und produzieren mehr Talg. Es kommt zu fettiger Haut und einer verstärkten Verhornung. Deshalb können sich Talgdrüsen verstopfen und zu Mitessern (Komedonen) werden. Bakterien breiten sich aus und führen zu Entzündungen. Untersuchungen an Zwillingspaaren haben gezeigt, dass auch die Veranlagung eine große Rolle spielt.

Auf alle Fälle hat Akne nichts mit Unsauberkeit zu tun. „Schon der Begriff ‚unreine‘ Haut führt auf eine falsche Fährte und stigmatisiert die Betroffenen“, sagt Küchler. Im Gegenteil, zu viel waschen schadet der Haut: Sie trocknet aus und produziert zum Ausgleich eine Extraportion Talg. Auch fettige Cremes sind nicht gut. „Manche Akne blüht dadurch erst richtig auf“, sagt die Dermatologin.

Doch was können die Betroffenen tun? Berthold Rzany von der Charité empfiehlt: „Waschen mit seifenfreien Reinigungsmitteln, um die Talgdrüsenlipide und das Bakterienwachstum zu reduzieren und Produkte mit Salicyl- und Milchsäure benutzen, um die Komedonenbildung zu drosseln.“ Sobald die Pickel mehr werden, kann nur der Hautarzt möglichen tiefen Narben entgegenwirken.

Viele Ärzte verschreiben dann Isotretinoin. Chemisch verwandt mit Vitamin-A reduziert der Wirkstoff die Talgproduktion nachhaltig, selten kommt es zu Rückfällen. Frauen müssen während der Therapie und noch einige Zeit danach die Anti-Baby-Pille nehmen, denn Isotretinoin wirkt fruchtschädigend und daher darf es nicht zu einer Schwangerschaft kommen. „Wenn man einige Vorsichtsmaßnahmen beachtet, ist es ein hervorragendes Medikament, das schon viele leidgeprüfte Patienten wieder zum Lächeln gebracht hat“, berichtet Tanja Fischer. Auch, weil es entstellende Narben verhindern hilft. „Die bekommt man nur schwer weg. Manches bleibt für immer“, sagt sie.

Wer lediglich unter einer leichten Form der Akne leidet, erreicht mit äußerlich angewandten Mitteln bereits viel: Vitamin-A-Säure-Präparate öffnen die Poren und fördern als positiver Nebeneffekt die Bildung neuer Kollagenfasern. Sie bewirken, dass die Haut praller und jünger aussieht. Fruchtsäure hingegen reduziert die Neubildung von Komedonen. Benzoylperoxid, ein Wirkstoffklassiker in Cremes und Gels, wirkt antibakteriell und löst Verhornungen.

Chips und Schokolade führen übrigens – entgegen weit verbreiteter Meinung – nicht zu einer Verstärkung der Symptome. Es gibt keine Studie, die einen klaren Zusammenhang zwischen Ernährung und Hautzustand belegt. Auch der jüngste Verdacht, wonach Milchprodukte Akne befördern, sei noch nicht bewiesen, sagt Michael Schaller von der Uniklinik Tübingen. Wer Akne hat, steht psychisch sowieso unter einem enormen Leidensdruck. Er muss sich also nicht auch noch den leckeren Kakao verbieten.

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