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Wie die großen Parteien die Spitzenkandidaten vermarkten – ein Fotoalbum von Matthias Platzeck ist fast vergriffen

Michael Mara

Potsdam – Üblicherweise sind Wahlbroschüren der Parteien schwer an die Frau oder den Mann zu bringen. In Brandenburg aber gibt es einen Renner: Das „Fotoalbum“ von Matthias Platzeck, auf edlem Hochglanzpapier gedruckt, mit 27 Farbfotos. Sie zeigen den populären SPD-Landes- und Regierungschef mit seinen drei Töchtern, seiner Freundin Jeanette, mit Arbeitern und Unternehmern, Kindern und Prominenten wie Günter Jauch. Platzeck ernst auf dem Oderdeich, aber meist strahlend. Wie SPD-Wahlkämpfer berichten, geht das Album „weg wie warme Semmeln“. Die Auflage von 100000 Exemplaren ist so gut wie vergriffen.

In der SPD hofft man, dass das Album – es wird am Wochenende auf dünnerem Papier in weiteren 500000 Exemplaren den Brandenburger Regionalzeitungen beiliegen – Platzeck bei der Landtagswahl am 19. September zwei oder drei Prozentpunkte zusätzlich bringen wird.

Eine Million Euro gibt die SPD für ihren Wahlkampf aus. Die Union hat nur 800 000 Euro im Etat. Neidischer sind die Christdemokraten aber auf die Idee des Fotoalbums. „Darauf hätten wir selbst kommen können“, kommentiert ein CDU-Stratege mit Blick auf Landeschef und Innenminister Jörg Schönbohm, der eine solche opulente Präsentation vielleicht dringender gebraucht hätte.

Die CDU präsentiert den normalerweise ernst dreinblickenden Schönbohm zwar auch lächelnd: „Ein Mann. Ein Wort. Schönbohm.“ Aber nur auf einem mageren orange-blauen Faltblatt mit ein paar kleinen und wenig aussagekräftigen Bildchen. Auf der letzten Seite immerhin ein privates Foto: Schönbohm mit seiner Frau Eveline: „Seit 44 Jahren verheiratet“. Es überwiegen die Texte, die politischen Botschaften: „Ich bin bereit, an der Spitze einer von der CDU geführten Landesregierung Verantwortung für unsere Heimat zu übernehmen.“ Das ist angesichts der jüngsten Umfragen freilich überholt, die CDU liegt nur auf dem dritten Platz.

Auf den Höhenflug der Sozialisten reagierte die Union jetzt mit einem bissigen Flugblatt über „die Legenden der PDS“. Deren Forderungen nach höheren Sozialausgaben werden Kürzungen der rot-roten Regierungen in Berlin und Schwerin bei Arbeits- und Sozialprogrammen entgegengehalten. Brandenburgs PDS scheint freilich wenig zu beeindrucken, unter welchem Sparzwang die dortigen Genossen stehen: „Sozial, mit aller Kraft“, verspricht sie auf Flugblättern und Plakaten als „Gegenentwurf zum Sozialabbau à la Rot-Grün oder Union und FDP“. Und natürlich wirbt die Partei, die einen Wahlkampfetat von 500 000 Euro plus ungenannten Beiträgen ihrer Kreisverbände hat, gezielt mit dem Konterfei ihrer fotogenen Spitzenkandidatin Dagmar Enkelmann. Außer den Riesenplakaten gibt es ein kleines Faltblatt, darin gleich acht Porträtfotos: Enkelmann lachend, nachdenklich, mit Schmollmund… Genutzt hat die Personality-Offensive bisher wenig: Bei einer Direktwahl des Ministerpräsidenten bekäme sie jüngsten Umfragen zufolge nur zwischen zwölf und 14 Prozent (Schönbohm 13 bis 18, Platzeck 59 bis 68). Auch von den PDS-Wählern wünscht sich nur jeder dritte Enkelmann als Ministerpräsidentin.

Gäbe es aber Preise für den originellsten Kino- und TV-Spot, müsste ihn wohl die PDS bekommen: In Wildwest-Film- Ästhetik wird ein kleines Indianerdorf von bösen weißen Gangstern überfallen – aber schon naht Hilfe von Stammesbrüdern mit wehenden Fahnen: die PDS. Dann folgt der Slogan: „Wir sind die Roten.“ Die Sozialisten müssten aber auch den Preis für das DDR-nostalgischste Plakat bekommen: In Cottbus warb sie mit dem Slogan: „Demnächst gibt es wieder Apfelsinen und keine Orangen.“ Eine Anspielung auf SED-Zeiten, als immer nur von Apfelsinen die Rede war, wenn es sie denn gab. Die SPD will, wenn das Plakat weiter geklebt wird, darauf direkt reagieren. Etwa so: „Demnächst wieder MfS statt SMS“ oder „Demnächst wieder Schnitzler statt Jauch“.

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