Der Tagesspiegel : Im Bauch der Bassistin

Verlieren und lieben: Ein Besuch bei dem amerikanischen Schriftsteller Jonathan Lethem in Brooklyn

Susanne Messmer

Es ist ein warmer, sonniger Tag, an dem Jonathan Lethem zu sich nach Hause in Brooklyn bittet. Kommt man mit dem Taxi vom Szeneviertel Williamsburg nach Boerum Hill, stechen zunächst die vielen Waschsalons, Burgerfilialen und billigen Haushaltswarenläden ins Auge. Die Dichte stilvoll abgewetzter Cafés und schlampiger Plattenläden ist viel geringer als in Williamsburg, hier hat sich in den letzten zwanzig Jahren nicht so viel verändert wie anderswo.

Man kann also gar nicht anders, als sich auf dem Weg die Geschichten übers Jungsein in diesem Viertel in den frühen achtziger Jahren ins Gedächtnis zu rufen, die Lethem berühmt gemacht haben: wie Lionel, die Waise aus dem Roman „Motherless Brooklyn“, sich auf der Straße den Mund fusselig quatscht, während er darauf wartet, von den Kleingangstern aufgesammelt zu werden. Wie Dylan, das Hippiekind aus Lethems viel gelobtem Jahrhundertroman „Die Festung der Einsamkeit“, mit seinen wilden Freunden Flaschendeckel übers Pflaster kickt. Andächtig schlendert man an den von Lethem literarisierten Reihenhäusern aus rotem Backstein vorbei, an den Treppenaufgängen, Häuserwänden und Brückenpfeilern voller Tags. So sieht Brooklyn also aus. Dank Lethems Büchern ist es, als hätte man es schon oft gesehen, als sei es von ihm überhaupt erst erfunden worden

Jonathan Lethem will davon erst einmal nichts wissen. Als er den Tee kocht und seinen kleinen überdrehten Hund beruhigt, spricht er lieber über die Bürde des Spezialistentums. Sein neues Buch „Du liebst mich, du liebst mich nicht“ handelt nicht mehr von Brooklyn. Es ist ein leichtes, lässiges Buch. Eine Fingerübung nach dem großen, ausufernden und persönlichen Werk über eine Kindheit in dem Viertel, in das er nach langen Jahren in Kalifornien wieder zurückgekehrt ist.

„Ich wollte wieder in Verbindung kommen mit der verspielten Seite meines Schreibens“, sagt er und erinnert damit an seine ersten Bücher, die rasant waren und mit Genres wie Science Fiction oder Comic spielten. „Du liebst mich, du liebst mich nicht“ erzählt dagegen von ein paar Tagen im Leben einer irgendwie verdaddelten, verpeilten Band im Los Angeles der neunziger Jahre. Lethems neuer Roman ist eine Art ungestümer Sommernachtstraum, eine kalifornische Komödie mit melancholischem Unterton. „Ich fand es interessant, meine Autorität aufzugeben, meine Stärken. Ich wollte wieder ein Anfänger werden, eine touristische, verwirrte Perspektive einnehmen“, sagt Lethem, als er den zweiten Tee einschenkt und zum dritten Mal den manischen Hund zurückpfeift. „Ich wollte mich anpassen“, fügt er an, „denn auch die Helden meines neuen Buches sind Amateure. Sie wissen nicht, was sie tun, sie sind auf eine schöne Art inkompetent.“

Die inkompetenteste Heldin ist wohl die Hauptfigur, zu der Lethem sich von einschlägiger Mädchenliteratur hat inspirieren lassen: Lucinda, die Bassistin der Band, eine attraktive Männerjägerin. Lucinda bekommt einen Job im neuesten Projekt ihres Exfreundes Falmud, eines halbwegs erfolgreichen Künstlers. Er hat eine Beschwerdenhotline für Nörgeleien aller Art eingerichtet und ein Büro, in dem Lucinda und ein paar weitere Helferinnen die Anrufe von Nörglern annehmen sollen. Prompt verliebt sie sich in einen der Nörgler. Dessen Geheimnisse sind derart originell, dass sie sie sofort als Songtexte verwurstet. Beim ersten Date entpuppt sich der Nörgler als dicker, rosafarbener und silbern behaarter alter Mann. Lucinda ist begeistert, es folgt eine Nacht der Beglückung und Perversion.

„Du liebst mich, du liebst mich nicht“ ist ein Buch, das goldene Fäden um einen kurzen, magischen Moment spinnt, wie ihn jeder einmal erlebt hat oder zu erleben hofft. Kurz sieht es so aus, als könnte diese Band berühmt werden – aber wie im wirklichen Leben zerstäubt am Ende der Zauber. Der haarige Nörgler verschwindet aus dem Leben der schönen Bassistin, die Band löst sich auf.

Trotz anderer Spielplätze und einer neuen Leichtigkeit geht es wie so oft bei Jonathan Lethem um das Leben der Boheme, um Subkulturen und Nachbarschaften, die zumindest zeitweise kleine, utopische Blasen bilden. Schade, dass sie am Ende platzen und die Kapitulation folgt. Aber vielleicht muss das ja auch so sein. Vielleicht müsste sich Jonathan Lethem sonst vorwerfen lassen, er sei zum Märchenonkel mutiert.

Die Kapitulation, die kommen muss, ist tragisch – denn ihr ging gar kein Kampf voraus: Lethems neue Helden sind Möchtegerne, sie wollen was werden, aber nichts dafür tun, denn dazu sind sie zu selbstbezogen und gefangen in ihrem Kindischsein. Sie machen Musik, ohne Musik zu hören und sich in einen Bezug zu setzen. Sie hoffen und sehnen sich danach, Künstler zu werden, verweigern dafür aber jeden Einsatz und die Einsicht, dass auch Fantasie harte Arbeit bedeuten kann.

Bei aller Sympathie ist es genau diese Einsicht, die Jonathan Lethem von seinen Figuren trennt. Lethem hat hart zu arbeiten gelernt. Nichts an ihm erinnert an das Klischee des schrulligen New Yorker Autors, der aussieht wie Adam Sandler oder Ben Stiller und dem die Themen auf den Kopf fallen, weil er sie eben einfach erlebt hat: die Neurose, der Alkohol und andere Verstörungen. Lethem ist ein gesetzter, professioneller Gesprächspartner. Er beantwortet alle Fragen schnell und präzise, ohne sein Gegenüber unnötig nah an sich heranzulassen.

Obwohl er aber gerade eine Familie gegründet und sich ein Haus auf dem Land angeschafft hat, will auch Jonathan Lethem nicht so schnell so supervernünftig werden. In seinem neuesten Projekt, dem „Promiscous Materials Project“, verkauft er im Internet liegen gebliebene Geschichten an Filmemacher, die ihm gefallen – und zwar für ein paar Dollar das Stück. „Ich versuche, aus der Idee des intellektuellen Eigentums auszubrechen“, sagt er. „Ich bewahre mir damit mein winziges Stückchen Kommunismus.“ Also doch eine Solidaritätsbekundung mit einer Band, aus der nichts werden kann, weil sie sich ihre Songs einfach zusammenklaut? – „Vielleicht“, lächelt er verschmitzt. Und wie sieht es mit New York aus, dieser Stadt, die sich immer mehr zur Geldstadt entwickelt, wo selbst in Vierteln voller Burgerketten und Waschsalons die Mieten unbezahlbar werden? Kann man hier überhaupt noch Bücher schreiben?

„New York ist zu komplex und paradox, als dass hier langweilige Bücher entstehen könnten“, antwortet Lethem. Sein nächstes Buch, verrät er, wird in Manhattan spielen. Es soll vom Glamour erzählen, aber auch vom Terror unter den glitzernden Oberflächen. Jonathan Lethem will versuchen, über wohlhabende Leute zu schreiben. Ob er deshalb zum ersten Mal von Erwachsenen erzählt, kann man zum Glück stark bezweifeln.

Jonathan Lethem: Du liebst mich, du liebst mich nicht. Aus dem Amerikanischen von Michael Zöllner, Tropen Verlag, Berlin 2007, 256 Seiten, 18, 90 €.