Der Tagesspiegel : Im dritten Anlauf will Erkner nun Stadt werden

ALEXANDER PAJEVIC

Mit über 12 000 Einwohnern gilt der Ort am südöstlichen Berliner Stadtrand noch immer als DorfVON ALEXANDER PAJEVIC ERKNER.Es läßt sich wohl nicht anders sagen, aber die Ankunft auf dem S-Bahnhof in Erkner ist zur Zeit noch alles andere als spektakulär."Wenn man hier ankommt, denkt man: Hier ist tote Hose", gibt auch Joachim Schulze, seit 1991 Bürgermeister mit SPD-Parteibuch in Erkner, unumwunden zu.Bei der Einfahrt nach der noch eine Stunde dauernden Fahrt vom Bahnhof Zoo - noch in diesem Jahr soll aber der Regionalexpreß hier halten, dann wird die Fahrzeit halbiert - säumen Industriegebiete die Gleise der Gemeinde am südöstlichen Stadtrand von Berlin; der Bahnhofsvorplatz ist ein kahles kopfsteingepflastertes Rund an einer stark befahrenen Straße, die durch eine Industriebrache führt. Aber das soll sich schon bald ändern; man bemüht sich redlich, dem Stadtbild wieder ein "Fluidum einzuhauchen", wie Schulze sagt.Denn immerhin strebt Erkner nach Höherem: Die Gemeinde hat Stadtrechte beantragt und aus Potsdam sind Signale gekommen, daß es diesmal - es ist schon der dritte Anlauf in diesem Jahrhundert - mit dem urbanen Aufstieg wohl klappen dürfte.Noch in diesem Monat soll über den Antrag im Kabinett beraten werden; zum Heimatfest im Frühsommer will man sich schon mit dem Titel schmücken. Im März soll das Nahverkehrszentrum am Bahnhof eröffnet werden; acht Omnibuslinien werden sich dann hier treffen, Stellplätze für den Park-and-Ride-Verkehr wird es geben und einen Ampelübergang zum Bahnhof, dessen Umfeld auch möglichst bald neu gestaltet werden soll. Leider liegt auf dem Platz auch eine Hypothek von mehr als 100 Jahren chemischer Industrieproduktion.Am Bahnhof befanden sich Teerwerke, deren giftige Hinterlassenschaft zu Beginn der neunziger Jahre für Schlagzeilen sorgten, selbst Gefahr für das Berliner Trinkwasser wurde befürchtet.Nachdem alle erdenklichen Maßnahmen getroffen wurden, hätten Gutachten ermittelt, daß keine akute Gefährdung mehr ausgehe, sagt Schulze. Der Bürgermeister sieht drei Säulen, die den Aufschwung in Erkner tragen sollen: Wissenschaft und Bildung, Gewerbe und Industrie und schließlich Tourismus.Und seine Wünsche scheinen sich zu erfüllen: In einer ehemaligen Fabrik befindet sich das von Berlin und Brandenburg getragene Institut für Stadtentwicklung und Regionalplanung, und stolz präsentiert Schulze das Bildungszentrum Erkner der Betriebskrankenkassen und Rentenversicherer. Und keiner will es ihm glauben, sagt Schulze, aber es gebe tatsächlich heute mehr Arbeitsplätze als vor der Wende.Mit 15,3 Prozent Arbeitslosigkeit liegt Erkner unter dem Brandenburger Durchschnitt.Ein Kunststoffwerk, in dem zu DDR-Zeiten Karosserieteile für den Trabant hergestellt wurden, beschäftigt heute 120 Angestellte; auf einer rekultivierten Industriebrache direkt an der Stadtgrenze zu Berlin-Köpenick haben sich erste Dienstleister und verarbeitende Betriebe angesiedelt.Obwohl Erkner lange Zeit aufgrund seiner reizvollen Lage am Dämeritz- und Flakensee beliebtes Ausflugsziel war, ist es stets eher bürgerlich als großbürgerlich geblieben.Berühmtester Bewohner war Gerhart Hauptmann. Seinen "Städtischen Charakter", den Schulze Erkner attestiert, hat es mit dem Bau der S-Bahnhaltestelle zu Beginn des Jahrhunderts bekommen.Aber nur wenige der Altbauten überstanden einen verheerenden Luftangriff im März 1944.Plattenbauten stellen mit 3200 Einheiten den größten Anteil der Wohnungen, doch ist das Stadtbild auch geprägt von vielen kleinen Siedlungen, wie etwa der denkmalgeschützten Bahnhofssiedlung mit zweigeschossigen Doppelhäusern.Nachdem der Einwohnerstand 1995 auf 11 700 gefallen war, sind seitdem wieder 500 neue Bewohner hinzugekommen.Probleme mit Leerstand hat Erkner nicht.So sind etwa alle 280 Einheiten in der 1996 fertiggestellten Neubausiedlung "Am Schützenwäldchen" - Doppel- und Reihenhäuser - schon verkauft worden.

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